Bekenntnis einer Hexe

Bekenntnis einer Hexe

Hexen gibt es in meinem Leben, solange ich denken kann. Allen voran die Kleine Hexe von Otfried Preusler. Eine rothaarige Mutter. Die Knusperhexe aus Hänsel und Gretel. Eine Freundin, bekennende Hexe („Witch“). Und dann diese tiefe, merkwürdige Verbindung zur Geschichte der Hexenverfolgung.

In den letzten Wochen habe ich so viele persönliche Bekenntnisse im Internet gefunden wie noch nie. Heute scheint es an der Zeit, mein Bekenntnis in die Welt zu entlassen. Ich bin etwas, wovor ich mich selbst fürchte.

Es kann sehr bedrohlich sein, die eigenen tiefsten Geheimnisse zu enthüllen. Doch sie unter Verschluss zu halten kostet nicht nur extrem viel Kraft, sondern schneidet uns auch von unseren tiefsten Quellen ab. Und dann öffnest du den Mund und lässt alles heraus. Und etwas löst sich und heilt.

Welch eine Befreiung!

Hex´, Hex´, komm heraus …

Über Hexen und ihre Verfolgung ist lang und viel geschrieben worden. Nein, ich praktiziere keine okkulten Praktiken. Ich braue keine Zaubertränke, und ich spreche keine Liebeszauber aus. Und doch fühle ich mich als Hexe.

Ich habe wiederholt in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass Menschen sich offenbar vor mir fürchteten. Oder vor meinen Fähigkeiten. Und so habe ich selbst begonnen, mich zu fürchten.

Und ich habe mir Mühe gegeben. Viel Mühe. Nicht mehr zu fühlen. Nicht mehr zu sehen. Nicht mehr zu wissen. Die Leugnung – gerade vor mir selbst – hat viele solide Jahre überdauert. Ich habe es fast geschafft, mich selbst glauben zu lassen, dass ich harmlos sei. Oder sollte ich sagen machtlos?

Vor zwei Tagen hat mir jemand meine Maske vom Gesicht genommen. Nein, nicht gerissen. Abgenommen, mit dem liebevollen und sehr bestimmten Hinweis, dass ich sie nicht mehr brauche.

Du kannst es. Vertraue dir.

Doch was heißt es für mich, eine Hexe zu sein?

Eine Hexe ist eine wilde, ungezähmte, wissende und zutiefst mächtige, schöpferische Frau. Das bin ich. The elder woman.

Ich liebe über sämtliche Grenzen hinaus. Ich hüte das Feuer. Ich tröste, halte, gebäre und heile. Und ich bin nichts als die alles verzehrende, brennende Wahrheit. Ich bin Licht.

Und Schatten.

Die Hexe in mir ist dieser uralte Schatten, diese wispernde, unbeirrbare Stimme. Die Hexe ist das Feuer und schürt das Feuer. Sie ist die Asche und der Phönix. Das bin ich. Uralt und immer wieder neugeboren.

Ich bin zwei

Ich weiß nicht, warum, aber ich bin zwei. Immer gewesen. Meine Zahl ist die 22. Ich bin die doppelte Zwei. Die Zahl des Narren, wie ich jüngst erfuhr.

Ich habe Fähigkeiten, die ich selbst erst wiederzuentdecken aufgebrochen bin. Ich spüre Energien und Plätze, und manchmal spricht es durch mich. Dann starrt mich mein Mann an und stammelt: „Bist du etwa ein Engel?“

Einst bin ich meinem Mann auf Augenhöhe begegnet, jenseits von Zeit und Raum, nur um danach unseren ersten Sohn zu zeugen. Ich weiß manche Dinge, ohne sie eigentlich wissen zu können. Nicht häufig. Aber wenn es geschieht, umso unbeirrbarer. An diesem Wochenende erfuhr ich, dass man diese Fähigkeit Hellwissen nennt.

Und dann erinnere ich mich an eine Geschichte meines Vaters, als er ein kleiner Junge war, und auch er hat offenbar diese Gabe. Er weiß einfach. Und vertraut ihm doch nicht – genau wie ich. Beides habe ich offenbar von ihm geerbt. Die Fähigkeit – und die Angst davor. Das Vermeiden.

Angst vor dem Scheiterhaufen

Ein lieber Freund und Wegbegleiter sagte gestern zu mir: „Heute wirst du nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt.“ Doch was, wenn die Angst davor – oder die Erinnerung daran – noch im wahrsten Wortsinn in meinen Zellen sitzt?

Wie vielsagend – an dieser Stelle versiegt mein Schreibfluss. Da ist sie wieder, meine Blockade. Und ich spüre, wie meine geballten Energien festsitzen, die Wirbelsäule entlang. Eingekesselt zwischen Herz und Mund. Direkt zwischen den Schulterblättern. Ich spüre, dass ich sie gehen lassen muss. Nein. Möchte. Mit ein bisschen Anlauf. Erst will die Angst gesehen, gefühlt und geheilt werden.

Es gab viele Situationen in meinem Leben, in denen ich dachte: Das kennst du. Es ist so vertraut. Wie eine (manchmal schlechte) Reinszenierung. Oder ich wusste gar, welche Worte jemand sagen würde. Als sei ich schon da gewesen. Als habe ich all das schon erlebt.

Oder wie jemand ganz Besonderes zu mir sagte: „Ich kenne dich genau und habe keine Ahnung, wer du bist.“

Hexe sein heißt, wieder der Urkraft in mir zu huldigen. Frau zu sein. Mich wieder nach innen zu wenden. Jenseits aller Religion. Und es heißt auch, all meine verlorenen Seelenanteile wieder einzusammeln. Die Heilerin. Die Poetin. Die Kriegerin. Die Feuerhüterin. Die Grenzgängerin. Die Geheimnisträgerin. Die Mutter, Tochter, Schwester, Frau und Geliebte.

Die Heilige und die Hure.

Ich bin Maria und Magdalena. Ich bin die Blaue, die spricht.

Ich bin das Gefäß. Der Wasserbringer.

Ich bin die Zwei.

The following two tabs change content below.
Sabine Besse
Autorin und Gestalttherapeutin, Jg. 1971, lebt mit Mann und zwei Söhnen in Südengland
Sabine Besse

Neueste Artikel von Sabine Besse (alle ansehen)

Von | 2017-07-18T00:37:12+00:00 17.07.2017|Spiritualität|2 Kommentare

2 Kommentare

  1. Gerhard 17. Juli 2017 at 19:54- Antworten

    An paar Stellen ist mir der Begriff Intuition eingefallen. Hast du dich damit mal beschäftigt?
    Und abgesehen davon … Ich glaube sowieso, Frauen sind die besseren Männer.

    • Sabine Besse
      Sabine Besse 17. Juli 2017 at 21:00- Antworten

      🙂 Ja, es hat viel mit Intuition zu tun. Manche meiner Erfahrungen gingen aber noch darüber hinaus und sind erstmal nicht logisch zu erklären. Es waren bzw. sind wohl eher „erweiterte Bewusstseinszustände“, wie sie vielleicht auch durch Drogen entstehen („vielleicht“ deshalb, weil ich nie selbst Drogen genommen habe). Interessant finde ich, dass solche Erfahrungen zuzunehmen zu scheinen. Oder ich ziehe einfach mehr Menschen an, die sich mit derlei Dingen befassen. Ich finde es jedenfalls nicht immer ganz einfach, diese (relativ) neuen Erfahrungen in mein bisheriges Selbstbild zu integrieren. Oder anders gesagt: Wer bin ich ohne meine Vergangenheit? Liebe Grüße nach Berlin!

Magst du mir etwas mitteilen? Dann hinterlass einen Kommentar.