Wie du mit guten Texten mehr Leser gewinnst

Wie du mit guten Texten mehr Leser gewinnst

Für Leser schreiben

Wie bringe ich Leser dazu, regelmäßig meine Blogs zu lesen? Was macht einen Text lesenswert? Dies sind Fragen, die sich so mancher Blogger schon gestellt hat. Ob journalistisches Basiswissen oder Schreibratgeber: Profi-Tipps gibt es an jeder Ecke. Doch worauf kommt es wirklich an?

Am wichtigsten ist ein interessantes Thema – und ein gut geschriebener Text. Doch welche Schreibtipps bewähren sich in der Praxis? Was kann auch wenig Geübten helfen, um mit wenig Aufwand signifikant bessere Ergebnisse zu erzielen? 

Ich habe meine persönliche Schatzkiste für dich durchforstet und dir meine besten Tricks und Techniken zusammengestellt.

Schreibe simpel

So banal es auch klingen mag, aber ich finde es absolut essenziell, einfach zu schreiben. Du willst in erster Linie verstanden werden, oder? Also mach es deinem Leser leicht und überlass das hochgestochene Gefasel anderen.

Die beste Methode, dies zu erreichen, ist kurze Sätze zu verwenden. Und lass die Fremdwörter weg. Meister dieser Kunst ist der Journalist Günter Wallraf. Er wurde einmal von einem Leser gelobt, man könne seine Bücher so einfach lesen wie die Bildzeitung. Schneide dir davon eine dicke Scheibe ab!

Simpel heißt nicht flach, reißerisch oder banal. Simpel bedeutet nur, dass du deine Botschaft so klar und präzise wie möglich formulierst. Sag, was du zu sagen hast. Schreibe sprachlich einfach und klar und inhaltlich so anspruchsvoll, wie du möchtest. Rede nicht um den heißen Brei herum. Komm zum Punkt. Kurz und knapp.

Wenn du dazu neigst, ausschweifend zu schreiben, diszipliniere dich selbst. Kürze, was das Zeug hält. So lange, bis jedes einzelne Wort Gewicht und Bedeutung hat.

Schachtelsätze kannst du oft in ein oder zwei kürzere Sätze zerlegen. Probier es aus und teste die Wirkung.

Sag das Wichtigste zuerst

Sag deinem Leser bereits in der Überschrift und im ersten Satz, worum es geht. Dies ist eine Regel aus der Pressearbeit. In einem Presseartikel bringt man das Wichtigste zuerst und das, was notfalls gestrichen werden darf, weiter hinten.

Doch diese Regel ist nicht nur für Pressetexte hilfreich. Leser sind ungeduldig, leicht ablenkbar und sprunghaft. Und sie lesen oft nicht mehr als den ersten Satz. Also: nutze deine Chance. Komm zur Sache. Und zwar sofort.

Ködere deinen Leser im ersten Absatz

Wirf deinem Leser einen Haken hin. Schildere einen Konflikt oder ein Hindernis. Wirf eine relevante Frage auf. Mach ihn neugierig.

„Heute morgen schlug ich die Augen auf und wusste: ich muss es endlich tun.“
(Frage: Was musst du tun? Und warum? Wer bist du überhaupt? Warum hast du so lange gezögert, „es“ zu tun? Und was hat dich dazu gebracht, deine Meinung über Nacht zu ändern?)

Dann lass deinen Leser bis zum letzten Absatz zappeln – oder fast. Erst am Ende – und nur dort – darfst du ihm die ungeduldig erwartete Antwort geben. Zwischendurch erinnere ihn an den Konflikt oder die aufgeworfene Frage und streu ihm mehr „Futter“ hin. Gib ihm Teilantworten. Lege Fährten. Aber mach ihn nicht vollständig satt. Die letzte große Frage beantwortest du erst ganz am Schluss. Danach verliert der Leser nämlich rasch das Interesse. Lass ihn nicht vom Haken!

Dies ist ein Trick aus der Handwerkskiste der Romanautoren. Das Geheimnis so genannter „Page-Turner“ (Texte, die du nicht aus der Hand legen kannst) besteht genau darin: immer neue Fragen aufzuwerfen und sie nie vollständig zu beantworten. Die große Auflösung hebst du dir bis zum Schluss auf.

Beantworte alle W-Fragen

Beantworte im Laufe deines Textes alle W-Fragen:
Wer? Was? Wie? Wo? Wann? Warum?

Damit gibst du deinem Leser alle wichtigen Informationen zu deinem Thema. Wenn du möchtest, mach du dir vorher eine kurze Liste.

  • Wer bin ich, bzw. um wen geht es in meinem Text?
  • Was ist mein Thema?
  • Wo, wie und wann geschehen die Dinge, die ich beschreibe?
    (Das gibt dem Leser eine räumliche und zeitliche Orientierung)
  • Und die vielleicht wichtigste Frage:
    Warum ist das Thema für mich bzw. den Leser relevant?

Versuche es. Es ist ganz einfach und gibt dir einen klaren Fahrplan für deinen Text. Auch diese Regel ist den Journalisten abgeguckt. Sie gehört zu den Grundlagen jedes guten Textes und hilft dir, einen Artikel zu gliedern bzw. auf Vollständigkeit zu überprüfen.

Du musst die W-Fragen übrigens nicht in der genannten Reihenfolge beantworten. Entscheide selbst, was nach vorne soll. Lass dich davon leiten, was dir am Wichtigsten ist.

Es kann sehr wirkungsvoll sein, mit dem „Warum?“ zu beginnen. Leser interessieren sich für die Motivationen anderer Menschen und wollen außerdem wissen, warum sie deinen Artikel unbedingt lesen sollten. Was ist ihr Lohn, Vorteil oder Gewinn? Warum ist das Thema so wichtig? Was steht für dich und für sie auf dem Spiel?

 

Benutze aktive Verben

Texte sind ein Spiegel unserer Wirklichkeit. Mach sie lebendig, indem du aktive Verbkonstruktionen verwendest. Aktive Menschen sind uns auch im echten Leben sympathisch; nutze dies für deine Texte.

Anstatt eine Person wie ein unbeteiligtes Objekt erscheinen zu lassen („mir wurde das Glas gereicht„) lass eine Person aktiv handeln: „Er reichte mir das Glas.“ Oder auch: „Mit einem Kopfnicken nahm ich das Glas entgegen.“

Passiv-Konstruktionen erkennst du an den Hilfsverben „werden“ oder „sein“ in Verbindung mit einem Verb, dem die Silbe ge- vorangestellt wird („die Tür ist geöffnet“, „ich werde gemustert“). Aktive Verben wirken viel stärker, da sie eine visuell vorstellbare Handlung beschreiben.

Zudem erfordern aktive Verben, dass du eine handelnde Person benennst („Wer?“), was im Passiv nicht der Fall ist. Handelnde Personen erzeugen Identifikation, Aktion und Interesse.

 

Kill your darlings – streiche deine Lieblingswörter

Wenn wir sprechen, benutzen wir viele Füllworte. Doch diese Worte tragen nichts zu unserer Aussage bei. Im Gegenteil. Sie verwässern das, worauf wir die Aufmerksamkeit lenken wollen. Der Leser findet vor lauter Füllwörtern deinen Kerngedanken nicht mehr. Das ist anstrengend und ermüdend. Er wendet sich ab.

Ich weiß, wovon ich spreche. Es ist schwer, sich von seinen Lieblingen zu trennen. Sie schleichen sich auch in meine Texte, immer wieder.

Überprüfe ein paar deiner Sätze kritisch, Wort für Wort. Auf welche kannst du verzichten, ohne den Inhalt zu verändern? Wenn du sämtliche irgendwie, vielleicht, dabei, gar, ja und auch streichst – wird dein Text stärker oder schwächer? Es gibt eine stattliche Anzahl an Füllwörtern. Lerne sie kennen und entferne sie systematisch.

Achtung, Falle! Du magst dich anfangs unbehaglich fühlen, deine Worte so nackt und schnörkellos auf dem Papier zu sehen. Jetzt ist die Stunde der Wahrheit. Kannst du zu dem stehen, was du sagen willst?

Jeder von uns hat seine eigenen Lieblinge. Identifiziere deine oder gib deinen Text einer anderen Person zu lesen. Einen guten Text zu schreiben ist wie Bildhauerei. Mit jedem gelöschten Wort gibst du deiner Aussage markantere Züge.

Nur Mut! Es kostet anfangs Überwindung, Worte zu streichen. Aber deine Leser werden es dir danken.

 

Sprich alle Sinne an

Die nächsten beiden Tipps können durchaus als fortgeschrittene Methoden durchgehen. Aber es lohnt sich, sie auszuprobieren.

Sprich in deinen Texten alle Sinne an, nicht nur das Sehen und Hören. Meisterin sinnlicher Schreibweise ist die amerikanische Bestsellerautorin Diana Gabaldon. Sie erweckt wie keine andere ihre Geschichten durch sprechende Details zum Leben.

Beschreibe nicht nur, wie die Dinge aussehen. Lass sie deinen Leser auch schmecken, riechen und fühlen. Wie fühlte sich dein alter Teddy an deiner Wange an? Kratzig, samtweich oder rauh? Roch er nach Mottenkugeln, nach dem Kaminfeuer in eurem Wohnzimmer oder wie frisch gewaschen?

Menschen neigen dazu, auf einem der Sinneskanäle besonders aufnahmefähig zu sein. Ich bin ein sehr visueller Mensch. Also muss ich mich immer wieder daran erinnern, dass ich auch Lesern, die gut hören oder die Welt über den Tastsinn erfassen, ausreichend Reize und Informationen liefere.

 

Erzeuge den Eindruck von Bewegung

Unsere Wahrnehmungsgewohnheiten sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr durch Film und Fernsehen geprägt worden. Heutige Leser sind es gewohnt, bewegte Bilder zu sehen.

Du kannst dir diese Gewohnheit zunutze machen und auch sprachlich dafür sorgen, dass der Eindruck von Bewegung entsteht. Während der Satz „Ich stand vor unserem großen Apfelbaum“ eher einem statischen Foto entspricht, lässt die Formulierung „Die Bäume bogen sich unter dem peitschenden Wind, und mit aller Kraft presste ich mich an meinen geliebten Apfelbaum“ eine regelrechte Bewegungssequenz entstehen.

Versuche, vor dem Auge deines Lesers einen Film abzuspielen. Erwecke deinen Text mit bewussten, sprechenden Details zum Leben. Dies erzeugt Dynamik, Spannung und ein Gefühl von Bewegung.

 

Sei authentisch

Menschen haben, heutzutage mehr denn je, ein Gespür dafür, ob das, was du schreibst, echt und authentisch ist. Authentizität schafft Vertrauen und macht dich sympathisch.

Es erfordert allerdings auch Mut, authentisch zu sein. Texte zu veröffentlichen, ist immer ein persönliches Unterfangen. Und in diesen Texten sichtbar – und damit angreifbar – zu werden, ist nicht jedermanns/frau Sache.

Aber glaube mir: es lohnt sich. Es ist nahezu unmöglich, jemanden unsympatisch zu finden, dessen persönliche Geschichte man kennt.

 

Greife am Ende den Anfang wieder auf

Diese Methode finden wir sowohl in Büchern als auch in Filmen. Im Film spricht man auch vom Eröffnungsbild und vom Schlussbild. Damit hilfst du dem Gedächtnis deines Lesers auf die Sprünge. Wo waren wir gestartet? Ach ja … und hier sind wir angekommen.

Das erleichtert dem Leser, den Spannungsbogen deines Textes im Ganzen zu erfassen. Vorher – Nachher. Das bleibt im Gedächtnis. Zudem sorgst du für ein Gefühl der Geschlossenheit. Der Kreis schließt sich. Das erzeugt ein Gefühl von Befriedigung.

 

Feile an deinem letzten Satz

Der letzte Satz ist es, der deinem Leser im Gedächtnis bleibt. Sorge dafür, dass er unvergesslich ist.

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Sabine Besse
Autorin und Gestalttherapeutin, Jg. 1971, lebt mit Mann und zwei Söhnen in Südengland
Sabine Besse

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Von | 2017-01-20T23:32:25+00:00 24.10.2016|Schreiben|6 Kommentare

6 Kommentare

  1. Chris 12. Dezember 2016 um 23:47 Uhr - Antworten

    Ich kenne meine Lieblinge nur zu gut, sie tauchen ja immer wieder in meinen Texten auf. Trotzdem fällt es mir oft schwer, sie zu entfernen. Mir fehlt es da wohl noch immer an Disziplin. Aber daran muss ich arbeiten, denn es ist wie du sagst: Reduktion auf das Wesentliche, klare und prägnante Aussagen, kurze und deutliche Sätze sind das A und O beim Schreiben.

    Was die Passivkonstruktionen angeht, bin ich schon immer etwas anderer Meinung gewesen. Ich finde einen kleinen Anteil an passiven Formulierungen durchaus auflockernd und teils auch inhaltlich sinnvoll. Ich empfinde es jedenfalls so und konnte diese stupide „Alle-Passivkonstruktionen-raus“-Regel nie ganz verstehen.

    • Sabine Besse
      Sabine Besse 13. Dezember 2016 um 0:53 Uhr - Antworten

      Ja, ich gebe dir recht. Ich folge diesen Regeln auch nicht sklavisch. Und auch ich benutze die eine oder andere Passiv-Konstruktion. Hilfreich finde ich es, die Wahrnehmung für diese Dinge zu schulen. Dann können wir viel bewusster entscheiden, was wir stehen lassen und was rausfliegt.

      Und da sowieso niemand strikt nach Regeln schreibt, kann ein bisschen Nachdruck ja nicht schaden 😉

  2. Veronika 26. Oktober 2016 um 11:50 Uhr - Antworten

    Ich bin selbst Texterin, schreibe gerne und viel. Kann Dir nur zustimmen: immer wieder ist Selbstdisziplinierung und Überprüfung gefragt. Was kann weg? (Bei mir ist es die „…und zwar-Krankheit“ ; ) Die Reduktion auf das Wesentliche ist die Königsdisziplin der Kommunikation. Beim Schreiben und beim Sprechen.

    • Sabine Besse
      Sabine Besse 26. Oktober 2016 um 14:31 Uhr - Antworten

      Ja, es hat einige Jahre gedauert, bis ich es geschafft habe, irgendetwas von meinen „heiligen“ Texten zu entfernen oder nur zu ändern. Lol.

      Meine erste wissenschaftliche Arbeit war da extrem hilfreich. Mein Prüfer hatte mir eine Seiten-Obergrenze gesetzt. Also musste ich alles komprimieren, sonst hätte es vorne und hinten nicht gepasst. Eine meiner wichtigsten Lektionen überhaupt.

  3. Karin Kalder 25. Oktober 2016 um 14:20 Uhr - Antworten

    Sehr interessant!
    Ich schreibe zwar nicht selbst, kann aber die Aussagen gut nachvollziehen und von meinen Lesegewohnheiten her bestätigen.

    • Sabine Besse
      Sabine Besse 25. Oktober 2016 um 14:29 Uhr - Antworten

      Ja, ich finde es wichtig, sich immer wieder auch in die Leserrolle zu versetzen. Wir wollen schließlich alle *gute* Texte lesen.

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