Chiron, der verwundete Heiler

Chiron, der verwundete Heiler

Wer sich mit Mythologie oder Astrologie beschäftigt, begegnet ihm früher oder später: Chiron, dem verwundeten Heiler. Doch dieser griechische Archetyp ist mehr als eine verstaubte Anekdote oder ein Objekt astrologischer Deutung. Chiron ist ein mächtiges Symbol unserer Zeit. Mich zog er vom ersten Moment in seinen Bann.

Chiron in der Mythologie – Symbol unserer Zeit

In der griechischen Mythologie ist Chiron (oder Cheiron) der Sohn des Chronos und ein Halbbruder Zeus´. Er ist ein Centaur, ein Mischwesen aus Pferd und Mensch, und wird wegen seiner Gestalt von seiner Mutter zurückgewiesen und in einer Höhle zurückgelassen. Doch Chiron bleibt nicht lange allein. Sonnengott Apollo adoptiert ihn und lehrt ihn die Kunst der Heilung, Medizin und Dichtkunst.

Chiron wird ein berühmter Heiler und Lehrer. Doch seine eigenen Wunden kann er nicht heilen. Als ob die Ablehnung seiner Eltern noch nicht ausreiche, wird er auch noch versehentlich von einem vergifteten Pfeil seines Freundes Herkules getroffen. Da er unsterblich ist, leidet er unsägliche Qualen und findet erst Frieden, als er für einen anderen (Prometheus) seine Unsterblichkeit opfert und dessen tödliche Schuld auf sich nimmt.

Chiron in der Astrologie

In die Sternenkunde hielt Chiron am 18. Oktober 1977 Einzug, als Charles Kowal einen großen Asteroiden mit einer stark exzentrischen Bahn entdeckte. Manche feierten die Entdeckung als den „zehnten Planeten“, und der Himmelskörper erhielt den Namen seines griechischen Vorbildes.

Historisch fällt die Entdeckung des Asteroiden Chirons in eine Zeit, in der ganzheitliche Medizin und ganzheitliches Denken begannen, sich immer mehr auszubreiten. Im Horoskop steht Chiron für unsere tiefste, geheimste Wunde und für verdrängte Anteile. Interessanterweise gleicht sein astronomisches Symbol einem Schlüssel.

Chiron und Achilles, Quelle: commons.wikimedia.org

Der Chiron in uns

Im gleichen Maße, wie ganzheitliche Ideen sich ausbreiteten, wurden Psychologie und Psychotherapie ein immer selbstverständlicherer Teil unseres Lebens. Viele Menschen machten sich auf die Suche. Sie wandten sich nach den Herausforderungen und Traumen der Kriegszeit verstärkt nach innen und versuchten, nicht nur ihre persönliche, sondern auch ihre Familiengeschichte und ihren historischen Hintergrund zu erforschen und besser zu verstehen. Doch da, wo viel Schaden entstanden ist, gibt es auch viel zu heilen.

Inzwischen stellen Menschen aller Altersgruppen ihr Leben auf den Kopf und hinterfragen sich und die Umwelt um sich, in bemerkenswertem Umfang darunter auch Menschen fortgeschrittenen Alters. Immer mehr Senioren nehmen Beratung oder Therapie in Anspruch, räumen ihr Leben auf oder lösen sich aus jahrzehntelangen Ehen und Lebenskonzepten.

Unsere kollektiven und persönlichen Wunden zeigen sich derweil überall. Wir finden sie in unserem gestörten Verhältnis zur Natur, zu den Tieren, zu unserer Arbeit, unseren Ressourcen, zu unseren näheren und entfernteren Nachbarn. Arno Grün nannte dies den Verlust des Mitgefühls.

Zwischen dem Alten und dem Neuen

Und so erleben wir im Moment eine Generation „dazwischen“, einen äußerst schmerzhaften Übergang. Genauer gesagt umfasst er mehr als eine Generation. Er betrifft uns alle: die aktuelle Elterngeneration ebenso wie ihre Eltern und ihre Kinder.

Eine sehr treffende Beschreibung habe ich in dem Buch „Indigo-Erwachsene“ gefunden. Äußerlich sind wir vom Alten geprägt, ja regelrecht in ihm gefangen. Innerlich erfüllt uns das Neue. Doch wir sind nicht nur der Wandel. Wir bezeugen ihn auch. Der Wandel kommt durch uns und mit uns.

Von der Schwierigkeit, dazwischen zu sein

Die Schwierigkeit, die unserem Zeitgeist innewohnt, ist ebenjene Zerrissenheit zwischen Alt und Neu. Besonders deutlich spüre ich dies als Mutter. Und ich erlebe es bei vielen, ja dem überwiegenden Teil der Eltern. Wir ringen. Heftig. Mit dem Alten. Mit dem Neuen. Und mit uns selbst.

Das Schwierige, wenngleich Dankbare an dieser Rolle ist die „Doppelbelastung“, d.h. die doppelte Aufgabe, die damit verbunden ist. So begegnen immer mehr Eltern ihrer eigenen Bedürftigkeit, ihrem inneren, zutiefst verwundetem Kind, während sie gleichzeitig als biologische Eltern bereits die Verantwortung für den Nachwuchs tragen.

Ich kenne viele, für die diese doppelte Aufgabe ein wahrer Kraftakt und eine fortwährende Herausforderung ist. Eine Herkulesaufgabe (da ist sie wieder, die Mythologie). Und die Anforderungen sind nicht gering: Es erfordert Bewusstsein(sarbeit), Balance, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstdistanz, Einsicht, Weitsicht, Empathie, Bereitschaft zum Wandel und die Fähigkeit und Notwendigkeit, sich selbst zu heilen bzw. sich entsprechende Hilfe zu suchen. Vor allem aber erfordert es die Bereitschaft, sich Generationen alter Schmerzen zu stellen. Wir sind eine Generation verwundeter Heiler. Wir leben vorwärts und heilen rückwärts.

Auch diese Einsicht schmerzt mich zutiefst. Ich war – reichlich naiv, aber voll guten Willens – angetreten, um meine Kinder möglichst unbeschadet durch die Kindheit zu geleiten. Und auch wenn es mir gelungen ist, vor meiner ersten Schwangerschaft die dicksten Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, so blieben noch immer reichlich Steine übrig. Sie säumen unseren Weg, und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mir nicht schmerzhaft den Zeh stoße an vergessenen, verworfenen oder achtlos weggeworfenen alten Trümmern.

Eine Generation der Heiler

Aber wir sind eine Generation der Heiler. Ich kenne viele, und es werden immer mehr. Die Kunst, die wir zu meistern angetreten sind, ist eine neue Balance zu finden zwischen Innenschau und Außenwirkung, Selbstbezogenheit und Dienst am anderen.

In einem Leben können wir nicht alle Probleme lösen, die über Jahrhunderte hin angehäuft wurden. Das ist unmöglich. Aber wir können die Wende einleiten. Wir können die Weichen stellen. Doch wie bei Chiron erfordert dies ein Opfer. Wir müssen uns unseren Wunden zuwenden und unseren verdrängten Anteile stellen.

Wir müssen den verstoßenen Sohn heim holen und lernen, den Chiron in uns mit neuen, liebenden Augen zu sehen.

Bildnachweis:
Chiron instructs young Achilles, Public Domain
Peleus verfolgt Thetis, die sich in Seedrache und Hund verwandelt, Public Domain

The following two tabs change content below.
Sabine Besse
Autorin und Gestalttherapeutin, Jg. 1971, lebt mit Mann und zwei Söhnen in Südengland
Sabine Besse

Neueste Artikel von Sabine Besse (alle ansehen)

Von | 2016-11-29T23:36:44+00:00 29.11.2016|Spiritualität|4 Kommentare

4 Kommentare

  1. Axel Gerber 19. Dezember 2016 at 12:43- Antworten

    Hallo Sabine, nein ich kannte den Mythos um Chiron noch nicht. Aber du hast einen schöne Brücke zur aktuellen Situation unserer Gesellschaft geschlagen. Wie zeitlos die alte Mythologie doch ist. Ich kann mich als Betroffener in der sowohl Kind als auch selbst Vater-Rolle sehr gut in diesem Spannungsfeld wiederfinden. Da sind alte Verhaltensmuster der Eltern, die sich auf uns übertragen haben, die wir wahrnehmen und vor denen wir unsere Kinder schützen wollen. Um sie zu überwinden, müssen wir uns selbst überwinden, weil sie ein Teil von uns wurden. Das ist das Opfer. Unsere Kinder werden diese Entwicklung weitermachen, haben einen besseren Start und können sich noch ein Stück höher entwickeln. So geht es von Generation zu Generation langsam, aber stetig immer weiter bergauf. Mögen wir schlau genug sein diesen Heilungs-Entwicklungsprozess laufen zu lassen. Störungen, wie Kriege und Machtmissbrauch sind tragisch, denn sie werfen die Entwicklung einer ganzen Generation zurück. Sie konnten die Entwicklung im Ganzen aber noch nie aufhalten. Das lässt hoffen. Lieben Gruß, Axel

  2. Petra Michaela Pfeiffer 30. November 2016 at 13:44- Antworten

    Ein wunderschöner Artikel Sabine! Die Geschichte von Chiron ist mir intensiv in diesem Jahr bewusster geworden. Und auch ich kenne die Stolpersteine von kleinen Kieseln bis Geröllhaufen, die „wie“ zum Leben dazu gehören in dem stetigen Wandeln und Prozessen von Lösen, Aufräumen, Heilung, Klärung. Ich glaube inzwischen, dass in dem so schön von Dir ausgedrückten „Vorwärts leben und Rückwärts heilen“ jedes transformiertes Sandkorn wirkungsvoll und wichtig ist. In alle Richtungen von Zeit und Generationen.
    Herzlichst, Petra

    • Sabine Besse
      Sabine Besse 30. November 2016 at 20:42- Antworten

      Hallo Petra, danke für deine Rückmeldung. Freut mich sehr. Ehrlich gesagt fände ich es wahrscheinlich sogar langweilig ohne weitere Steine auf dem Weg ? Ansonsten glaube ich auch, dass die Transformation und Heilung in vielen kleinen Schritten (=Sandkörnern) passiert – und auch Umwege oder Rückwärtsbewegungen nicht ausgeschlossen sind.

Magst du mir etwas mitteilen? Dann hinterlass einen Kommentar.