Sabine Besse http://sabine-besse.com Autorin, Gestalttherapeutin Tue, 20 Feb 2018 12:54:09 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.5 Selbstausbau eines Transporters http://sabine-besse.com/selbstausbau-transporter/ http://sabine-besse.com/selbstausbau-transporter/#respond Sat, 09 Dec 2017 17:36:59 +0000 http://sabine-besse.com/?p=23494 Sabine Besse

Seit März 2017 bauen mein Mann und ich einen Citroen Relay (Jumper) L4H3 zu einem familientauglichen Reisemobil aus. Geplant sind vier fest installierte Kojen. Mit einer Gesamtlänge von 6,36 m und einer Innenstehhöhe von 2,17 m bietet uns der Relay erstaunlich viel Platz. Wir freuen uns schon sehr darauf, bald losfahren zu [...]

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Sabine Besse

  • Innenraum Citroen Relay Jumper L4H3
  • Schlafbereich
  • Vintage Style
  • Bettenkonzept

Seit März 2017 bauen mein Mann und ich einen Citroen Relay (Jumper) L4H3 zu einem familientauglichen Reisemobil aus. Geplant sind vier fest installierte Kojen.
Mit einer Gesamtlänge von 6,36 m und einer Innenstehhöhe von 2,17 m bietet uns der Relay erstaunlich viel Platz. Wir freuen uns schon sehr darauf, bald losfahren zu können.

Den Bauprozess dokumentieren wir online und freuen uns über Mitleser.

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Bekenntnis einer Hexe http://sabine-besse.com/bekenntnis-hexe/ http://sabine-besse.com/bekenntnis-hexe/#comments Mon, 17 Jul 2017 11:53:57 +0000 http://sabine-besse.com/?p=23274/ Sabine Besse

Bekenntnis einer Hexe Hexen gibt es in meinem Leben, solange ich denken kann. Allen voran die Kleine Hexe von Otfried Preusler. Eine rothaarige Mutter. Die Knusperhexe aus Hänsel und Gretel. Eine Freundin, bekennende Hexe ("Witch"). Und dann diese tiefe, merkwürdige Verbindung zur Geschichte der Hexenverfolgung.In den letzten Wochen habe ich so viele persönliche [...]

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Sabine Besse

Bekenntnis einer Hexe

Hexen gibt es in meinem Leben, solange ich denken kann. Allen voran die Kleine Hexe von Otfried Preusler. Eine rothaarige Mutter. Die Knusperhexe aus Hänsel und Gretel. Eine Freundin, bekennende Hexe („Witch“). Und dann diese tiefe, merkwürdige Verbindung zur Geschichte der Hexenverfolgung.

In den letzten Wochen habe ich so viele persönliche Bekenntnisse im Internet gefunden wie noch nie. Heute scheint es an der Zeit, mein Bekenntnis in die Welt zu entlassen. Ich bin etwas, wovor ich mich selbst fürchte.

Es kann sehr bedrohlich sein, die eigenen tiefsten Geheimnisse zu enthüllen. Doch sie unter Verschluss zu halten kostet nicht nur extrem viel Kraft, sondern schneidet uns auch von unseren tiefsten Quellen ab. Und dann öffnest du den Mund und lässt alles heraus. Und etwas löst sich und heilt.

Welch eine Befreiung!

Hex´, Hex´, komm heraus …

Über Hexen und ihre Verfolgung ist lang und viel geschrieben worden. Nein, ich praktiziere keine okkulten Praktiken. Ich braue keine Zaubertränke, und ich spreche keine Liebeszauber aus. Und doch fühle ich mich als Hexe.

Ich habe wiederholt in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass Menschen sich offenbar vor mir fürchteten. Oder vor meinen Fähigkeiten. Und so habe ich selbst begonnen, mich zu fürchten.

Und ich habe mir Mühe gegeben. Viel Mühe. Nicht mehr zu fühlen. Nicht mehr zu sehen. Nicht mehr zu wissen. Die Leugnung – gerade vor mir selbst – hat viele solide Jahre überdauert. Ich habe es fast geschafft, mich selbst glauben zu lassen, dass ich harmlos sei. Oder sollte ich sagen machtlos?

Vor zwei Tagen hat mir jemand meine Maske vom Gesicht genommen. Nein, nicht gerissen. Abgenommen, mit dem liebevollen und sehr bestimmten Hinweis, dass ich sie nicht mehr brauche.

Du kannst es. Vertraue dir.

Doch was heißt es für mich, eine Hexe zu sein?

Eine Hexe ist eine wilde, ungezähmte, wissende und zutiefst mächtige, schöpferische Frau. Das bin ich. The elder woman.

Ich liebe über sämtliche Grenzen hinaus. Ich hüte das Feuer. Ich tröste, halte, gebäre und heile. Und ich bin nichts als die alles verzehrende, brennende Wahrheit. Ich bin Licht.

Und Schatten.

Die Hexe in mir ist dieser uralte Schatten, diese wispernde, unbeirrbare Stimme. Die Hexe ist das Feuer und schürt das Feuer. Sie ist die Asche und der Phönix. Das bin ich. Uralt und immer wieder neugeboren.

Ich bin zwei

Ich weiß nicht, warum, aber ich bin zwei. Immer gewesen. Meine Zahl ist die 22. Ich bin die doppelte Zwei. Die Zahl des Narren, wie ich jüngst erfuhr.

Ich habe Fähigkeiten, die ich selbst erst wiederzuentdecken aufgebrochen bin. Ich spüre Energien und Plätze, und manchmal spricht es durch mich. Dann starrt mich mein Mann an und stammelt: „Bist du etwa ein Engel?“

Einst bin ich meinem Mann auf Augenhöhe begegnet, jenseits von Zeit und Raum, nur um danach unseren ersten Sohn zu zeugen. Ich weiß manche Dinge, ohne sie eigentlich wissen zu können. Nicht häufig. Aber wenn es geschieht, umso unbeirrbarer. An diesem Wochenende erfuhr ich, dass man diese Fähigkeit Hellwissen nennt.

Und dann erinnere ich mich an eine Geschichte meines Vaters, als er ein kleiner Junge war, und auch er hat offenbar diese Gabe. Er weiß einfach. Und vertraut ihm doch nicht – genau wie ich. Beides habe ich offenbar von ihm geerbt. Die Fähigkeit – und die Angst davor. Das Vermeiden.

Angst vor dem Scheiterhaufen

Ein lieber Freund und Wegbegleiter sagte gestern zu mir: „Heute wirst du nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt.“ Doch was, wenn die Angst davor – oder die Erinnerung daran – noch im wahrsten Wortsinn in meinen Zellen sitzt?

Wie vielsagend – an dieser Stelle versiegt mein Schreibfluss. Da ist sie wieder, meine Blockade. Und ich spüre, wie meine geballten Energien festsitzen, die Wirbelsäule entlang. Eingekesselt zwischen Herz und Mund. Direkt zwischen den Schulterblättern. Ich spüre, dass ich sie gehen lassen muss. Nein. Möchte. Mit ein bisschen Anlauf. Erst will die Angst gesehen, gefühlt und geheilt werden.

Es gab viele Situationen in meinem Leben, in denen ich dachte: Das kennst du. Es ist so vertraut. Wie eine (manchmal schlechte) Reinszenierung. Oder ich wusste gar, welche Worte jemand sagen würde. Als sei ich schon da gewesen. Als habe ich all das schon erlebt.

Oder wie jemand ganz Besonderes zu mir sagte: „Ich kenne dich genau und habe keine Ahnung, wer du bist.“

Hexe sein heißt, wieder der Urkraft in mir zu huldigen. Frau zu sein. Mich wieder nach innen zu wenden. Jenseits aller Religion. Und es heißt auch, all meine verlorenen Seelenanteile wieder einzusammeln. Die Heilerin. Die Poetin. Die Kriegerin. Die Feuerhüterin. Die Grenzgängerin. Die Geheimnisträgerin. Die Mutter, Tochter, Schwester, Frau und Geliebte.

Die Heilige und die Hure.

Ich bin Maria und Magdalena. Ich bin die Blaue, die spricht.

Ich bin das Gefäß. Der Wasserbringer.

Ich bin die Zwei.

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Freilernen zwischen Scham und Stolz http://sabine-besse.com/freilernen-scham-und-stolz/ http://sabine-besse.com/freilernen-scham-und-stolz/#comments Mon, 26 Jun 2017 15:47:35 +0000 http://sabine-besse.com/?p=23229/ Sabine Besse

Dass ich mich seit langem mit Scham beschäftige, ist für viele kein Geheimnis mehr. Doch welche Rolle spielen Scham und Stolz im Leben eines Freilerners? Und wie beeinflusst Scham unser Verhalten? Was ist Scham? Ein kurzer Abriss Scham ist ein soziales Gefühl. Es entsteht in Begegnung mit anderen Menschen und regelt als Kontaktgefühl unsere Offenheit [...]

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Sabine Besse

Dass ich mich seit langem mit Scham beschäftige, ist für viele kein Geheimnis mehr. Doch welche Rolle spielen Scham und Stolz im Leben eines Freilerners? Und wie beeinflusst Scham unser Verhalten?

Was ist Scham? Ein kurzer Abriss

Scham ist ein soziales Gefühl. Es entsteht in Begegnung mit anderen Menschen und regelt als Kontaktgefühl unsere Offenheit bzw. unseren Wunsch, sich vor anderen zu verbergen.

Scham hat stets etwas mit sozialer Bewertung, oder – um es schärfer auszudrücken – mit Verurteilung zu tun. Der Blick anderer spielt bei der Entwicklung von Scham eine zentrale Rolle, und das bereits in frühester Kindheit.

Die Fähigkeit, sich zu schämen, ermöglicht uns, uns an unser soziales Umfeld anzupassen. Als solches ist Scham ein sinnvolles und gesundes Gefühl.

Jedoch leben wir heutzutage in einer, wie der Sozialwissenschaftler Stephan Marks es ausdrückt, „Atmosphäre der Scham“. Das bedeutet, dass wir vielfach und über viele Generationen traumatisch beschämt, erniedrigt, gedemütigt, nicht gesehen, nicht Wert geschätzt oder geliebt wurden. Die strukturelle Gewalt, auf der die öffentliche Erziehung fußt, trug und trägt zu diesen Verletzungen häufig bei. Die psychologischen Folgen sind für uns alle – auch wenn dies im allgemeinen Bewusstsein oftmals noch nicht sehr präsent ist – fatal.

Diese Traumatisierungen, ausgelöst durch übermäßige Scham, sind uns in der Regel nicht bewusst. Scham unterliegt einem mächtigen Tabu, und wir tun normalerweise alles dafür, um sie nicht zu spüren. Über sie zu sprechen bzw. sie auszudrücken, ist gleichermaßen schwierig. Angesichts von Scham verschlägt es uns regelrecht die Sprache.

Doch das ist noch nicht der schwierigste Aspekt von Scham. Viel entscheidender ist, dass wir regelrecht wünschen, vom Erdboden verschluckt zu werden. Wir wünschen uns nichts sehnlicher, als unsichtbar (!) zu werden. Das ist naheliegend, kann uns doch in diesem Moment der kritische Blick eines anderen nicht länger treffen.

Wenn wir uns schämen, unterbricht unser Körper blitzartig jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Wir isolieren uns. Physiologisch laufen dabei die gleichen Prozesse ab wie in einer existenziell bedrohlichen, d.h. potenziell traumatisierenden Situation. Wir frieren regelrecht ein und werden handlungsunfähig. Uns stehen nur noch drei uralte Handlungsmuster zur Verfügung: Kämpfen, Flüchten oder Totstellen. Daher ist es auch ein so verbreitetes Machtmittel, andere zu beschämen: es setzt den Beschämten schlagartig außer Gefecht.

Scham in Randgruppen

Seien wir ehrlich: als Freilerner gehören wir einer Randgruppe an. Die durchschnittliche Akzeptanz in der Bevölkerung ist zwar erfreulicherweise in den letzten Jahren dank dauerhafter Öffentlichkeitsarbeit gestiegen. Doch jeder, der sich ernsthaft mit dem „Ausstieg“ aus dem bzw. Alternativen zum Schulsystem beschäftigt und dies auch in seinem Umfeld artikuliert, kennt die vielfältigen ablehnenden, kritischen und oftmals erstaunlich heftig-aggressiven Reaktionen.

Diese heftigen Reaktionen liegen oft in Glaubenssätzen begründet: „Das macht man so!“ „Das geht doch nicht!“ „Das darfst du aber nicht!“ „Das haben wir schon immer so gemacht!“ usw.

Oft merken wir jedoch gar nicht, dass es Glaubenssätze sind, die uns leiten. Vielmehr sind wir geneigt, unsere subjektive Sicht auf die Welt als „Wahrheit“ zu betrachten. Enthüllt werden diese Glaubenssätze dann sehr schmerzhaft, wenn jemand wagt, die Dinge auf einmal ganz anders zu machen. Auch Vegetarier oder Veganer können ein Lied davon singen.

Da Scham entscheidend mit sozialer Akzeptanz und Gruppenzugehörigkeit verbunden ist bzw. evolutionär den Zusammenhalt einer Gruppe sicher zu stellen hatte, ist Abweichung physiologisch mit einer tiefen Urangst verknüpft. Auch das macht biologisch durchaus Sinn, denn ohne den Schutz seiner Sippe war (und ist noch heute) ein Mensch allein nicht lebensfähig. Heute werden wir zwar nicht mehr allein in der Wildnis zurückgelassen. Aber für einen „sozialen Tod“ kann es immer noch reichen.

Doch was bedeutet dies für Randgruppen? Einer Randgruppe anzugehören, bedeutet immer, sich in einem oder mehreren Merkmalen wesentlich vom Großteil der Bevölkerung zu unterscheiden. Das kann eine andere Hautfarbe sein, ein anderes Werteverständnis oder eine andere Lebensweise. Diese Abweichung ist in sich schamfördernd.

Randgruppen fordern Großgruppen stets heraus. Sie bedrohen (jedenfalls potenziell) ihre Homogenität und ihren Zusammenhalt. Randgruppen werden als „gefährlich“ wahrgenommen.

Von der Schwierigkeit, „anders“ zu sein

Die reine Tatsache, dass Mitglieder einer Randgruppe irgendwie anders sind, ist an sich jedoch noch kein Problem. Man könnte sie einfach anders sein lassen, und alle wären glücklich. Das Problem entsteht dort, wo die Bewertung und die damit zumeist einhergehende Ausgrenzung einsetzt. Wir erinnern uns: eine Gruppe versucht immer unbewusst, ihre Stabilität sicher zu stellen. Daher ist es nur folgerichtig, dass Einzelne, die scheinbar die Gruppe gefährden, entfernt bzw. ausgegrenzt werden („müssen“). Doch für den Ausgegrenzten ist dies nicht nur eine extrem schmerzhafte, sondern auch eine sehr bedrohliche Erfahrung.

Ein Problem bestünde ebenfalls nicht, wenn es für uns unwichtig wäre, wie unsere Mitmenschen uns (an)sehen oder beurteilen. Doch das ist wohl nur in Ausnahmefällen der Fall. Fakt ist vielmehr: als soziale Wesen sind wir auf Anerkennung, Teilhabe, Wertschätzung, Liebe und Zuwendung angewiesen. Wir brauchen positiven Kontakt, so wie wir Nahrung, Licht und Wärme brauchen. Was geschieht, wenn Kinder in ihrer Entwicklung nicht genügend Zuwendung erhalten, wurde in der Psychologie hinreichend erforscht.

Entdeckt man also eines Tages als „Freilerner-Neuling“, dass man sich zu einer nicht nur seltenen, sondern auch als äußerst kritisch beäugten Lebensweise hingezogen fühlt, beginnen die inneren und äußeren Konflikte. Zumal man am Anfang ja selbst noch unsicher ist. Was habe ich da bloß entdeckt? Warum berührt mich dieses Thema so tief? Und wie, um Himmels willen, soll ich etwas tun und rechtfertigen, was in meinem Umfeld als verboten gilt?

Spätestens in diesem Moment prallen inneres Gewissen (unser innerer Blick auf uns selbst und unsere Welt) und unser äußeres Gewissen (Erziehung, (Rollen-)Erwartungen, sozialer Druck, Ansehen) ungebremst aufeinander.

Und dann machen wir eine sehr schmerzliche Erfahrung. Nicht einmal, sondern hundertfach: Etwas, von dem wir zutiefst überzeugt sind, etwas, das sich für uns wahr und richtig anfühlt, wird von anderen gnadenlos zerpflückt.

Das könnte man ja durchaus als positiv betrachten. Denn letztlich spiegeln uns die anderen meist nur unsere eigenen (erlernten) inneren Kritiker. Darf ich das wirklich tun? Wie kann ich es wagen, es anders zu machen? Wieso sollte ich es besser wissen oder machen als alle anderen? Bin ich nicht verantwortungslos? Was, wenn es schief geht? Was, wenn ich einer Illusion aufsitze? Was, wenn ich das Leben meiner Kinder verpfusche? Was, wenn wir scheitern?

Und vielleicht schämen wir uns dann für unser Anders-, unser Sosein. Weil in uns, wie in allen anderen, die klammheimliche Überzeugung schlummert, dass wir eigentlich nicht aus der Reihe tanzen sollten.

Scham oder Stolz?

Doch nicht alle Freilerner erleben in gleichem Maß und in der gleichen Intensität Schamgefühle. Die persönliche Vorgeschichte wirkt sich unterschiedlich aus. Ich sehe eine ganze Reihe vor allem junger Freilerner, die sehr stolz und selbstbewusst wirken und diese Positivität auch in die Welt tragen. Zum einen spielt persönliche Resilienz (Widerstandskraft) und Ich-Stärke eine entscheidende Rolle, aber auch die Unterstützung, die sie in ihrem Umfeld erfahren bzw. von Kindesbeinen erfahren haben. Denn es gibt ein Wundermittel gegen Scham: und das heißt Verbundenheit.

In unserem Fall überwogen klar die negativen und angstvollen Reaktionen. Als wir den Kindergarten hinter uns ließen, wollten die anderen Eltern auf einmal nichts mehr mit uns zu tun haben. Es war ein Stück Arbeit, meinem Sohn zu erklären, dass nicht seine Freunde ihn verlassen hatten, sondern dass deren Eltern sich von uns zurückzogen.

Auch innerhalb der Familie machten wir teilweise sehr unerfreuliche Erfahrungen, die so weit reichten, dass der Versuch eines Austauschs nach wiederholten Anläufen beider Seiten schließlich im Kontaktabbruch mündete. Heute würde ich sagen, wir sind an einer unerkannten – und unerlösten – Schamdynamik gescheitert.

Schamauslösend für mich persönlich war auch das Gefühl, in Deutschland keinen Platz (Raum) zu finden. Ich hatte das Gefühl, wir dürfen nicht einfach sein. Das, was wir tun wollten, was uns entsprach, war verboten, und die möglichen gesellschaftlichen Sanktionen bedrohten die Sicherheit unserer Familie existenziell. Doch wie wirkt es sich auf eine Familie aus, wenn die Umwelt sie auf einmal kriminalisiert?

Dies bewog uns im Gegensatz zu vielen anderen, die in Deutschland bleiben, das Land zu verlassen und nach England zu gehen. Nur um dort die Erfahrung zu machen, dass wir auch hier einer Randgruppe angehören. Während wir mit anderen deutschen Freilernern die mehr oder weniger gleichen Erfahrungen teilten, ist es für Engländer, die mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit Home Education machen, viel schwerer nachzuvollziehen, warum wir uns mit manchen Dingen so schwer tun.

Netzwerke

Mit Scham und Beschämung umzugehen, ist nie einfach. Genauer gesagt, ist Scham eines der schmerzhaftesten Gefühle, das wir überhaupt kennen. Und hierfür ist es noch nicht einmal erforderlich, negativ beurteilt oder herabgewürdigt zu werden. Bereits das Gefühl, in der eigenen Wahrnehmung nicht verstanden (und anerkannt) bzw. nicht gesehen zu werden, löst Scham aus. Es ist, als würde unser Körper uns sagen: Das nächste Mal behältst du das besser für dich. Es ist sicherer.

Was also tun? Die meisten Freilerner gehen instinktiv den richtigen Schritt: sie verbinden und solidarisieren sich. Sie informieren sich. Sie holen sich die Bestätigung und das Verständnis, das sie vielleicht in ihrem direkten Umfeld nicht finden konnten. Sie bilden eigene Gruppen.

Und darüber hinaus empfinde ich es selbst immer wieder als extrem wichtig, in größeren Zusammenhängen zu denken. Oder anders gesagt: den Dingen einen Sinn zu geben.

Freilernen – der Blick nach vorne

Sinn und Bedeutung ist ebenfalls ein mächtiges Mittel gegen Scham. Es kann ein Gefühl von Stolz in uns etablieren. Und es kann uns tief mit uns selbst verbinden und uns erden. Warum tun wir, was wir tun? Welche Wünsche, Träume und Hoffnungen treiben uns an?

Sich für den Weg des Freilernens zu entscheiden, erfordert viel und verdient meines Erachtens höchsten Respekt. Bei allen Fehlern und Irrtümern, die wir alle machen.

Frei zu lernen erfordert Mut, Zutrauen, Vertrauen, Ich-Stärke, Entschlossenheit, Durchhaltevermögen, Opferbereitschaft, Kritikfähigkeit, Lernbereitschaft, Kontaktfähigkeit und die Bereitschaft, sich immer wieder selbst zu hinterfragen und neu einzulassen.

Den Dingen (neuen) Wert zuschreiben

Wenn Ihr also wieder einmal an Euch zweifelt oder Euch der Kommentar Eurer Eltern/Nachbarn/Kollegen getroffen hat:
Stellt Euch vor den Spiegel, klopft Euch auf die Schulter und macht Euch klar, was Ihr leistet.

Ihr bahnt neue Wege. Ihr geht voran, ohne genau den Weg zu kennen. Ihr riskiert es, Fehler zu machen. Und Ihr handelt aus Liebe.

Ihr seid wunderbar. Bunt, lebensfroh, erneuernd, kreativ. Ihr findet Lösungen, anstatt in Problemen verhaftet zu bleiben. Ihr zeigt Euch, Ihr tretet für Eure Kinder und für Eure Überzeugungen ein.

Seid stolz auf das, was Ihr tut. Seid stolz aufeinander.
Und wenn Euch der Gegenwind mal wieder eiskalt ins Gesicht weht: seid vor allem stolz auf Euch selbst. Ihr steht noch. Oder wenn Ihr umgefallen seid, steht Ihr wieder auf.

Denn Ihr habt eine Vision. Und diese Vision reicht weiter als bis zum sprichwörtlichen Tellerrand. Diese Vision ist das Fundament unserer Zukunft.

Bleibt verrückt

Bleibt verrückt, unangepasst, stolz und mutig. Geht Euren ureigenen Weg, unbeirrbar. In einer weltweiten Atmosphäre der Scham und Getrenntheit ist es das Beste, was wir zur Heilung dieses Planeten beitragen können.

Ich bin froh, dass es Euch gibt. Und dass wir auf diesem herausfordernden Weg nicht alleine sind.

Buchtipps

Zur Einführung

Stephan Marks: Scham – die tabuisierte Emotion
Für mich das entscheidende Buch zum Thema Scham. Stephan Marks ist Sozialwissenschaftler und bietet auch Fortbildungen zum Thema an, u.a. für Lehrer.

Udo Baer und Gabriele Frick-Baer: Vom Schämen und Beschämtwerden
Schmales Büchlein, das einen guten Einstieg bietet

Victor Chu: Scham und Leidenschaft
Buch eines Gestalttherapeuten, der mit Familienaufstellungen arbeitet

Zur historischen Dimension von Scham

Stephan Marks: Warum folgten sie Hitler? – Die Psychologie des Nationalsozialismus

Für therapeutisch Interessierte

Micha Hilgers: Scham: Gesichter eines Affekts
Gut zu lesender Klassiker eines erfahrenen Psychoanalytikers

Uri Weinblatt: Die Nähe ist ganz nah! Scham und Verletzungen in Beziehungen überwinden
Hervorragendes Buch, um die Dynamik der Scham (vor allem in Gesprächen) besser zu verstehen. Besonders aufschlussreich für therapeutisch Interessierte.

Leon Wurmser: Die Maske der Scham: Die Psychoanalyse von Schamaffekten und Schamkonflikten
Eines der am häufigsten zitierten und umfangreichsten Bücher. Allerdings recht mühsam zu lesen; ich habe es auf halber Strecke beiseite gelegt.

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Stille Töne http://sabine-besse.com/stille-toene/ http://sabine-besse.com/stille-toene/#respond Sat, 15 Apr 2017 18:55:22 +0000 http://sabine-besse.com/?p=23040/ Sabine Besse

Fundstück aus meinem Textarchiv (2003) Wie verschieden wir doch sind. Deine Welt ist voller Klänge, Dein Kopf stets voll Musik. Meiner ist zwangsläufig voll Musik. Meine Mutter sang den ganzen Tag vor sich hin, und Du hast auch ständig die Anlage an. Ich sehne mich nach Stille - um mich zu hören. Ich brauche den unbevölkerten Geräuschraum, [...]

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Sabine Besse

Fundstück aus meinem Textarchiv (2003)

Wie verschieden wir doch sind. Deine Welt ist voller Klänge, Dein Kopf stets voll Musik.

Meiner ist zwangsläufig voll Musik. Meine Mutter sang den ganzen Tag vor sich hin, und Du hast auch ständig die Anlage an.

Ich sehne mich nach Stille – um mich zu hören.

Ich brauche den unbevölkerten Geräuschraum, um meine Welt erstehen zu lassen, die sonst hinweggeschwemmt wird von einer Flut von Tönen, die einfach nicht zu mir sprechen wollen.

Dabei bewege ich mich durchaus wissend durch das Reich der Klänge. Schließlich hat man mich gelehrt Dur, Moll, Coda, Dominante. Doch mein Herz öffnet sich nicht. Und so kann ich auch Deine Leidenschaft nur erahnen.

Stattdessen versuche ich wieder einmal, Gedanken in Worte einzufangen.

Schauschau, auch hier ist mein Kopf voller Sprachtheorien und dem Wunsch zu siegen. Da verkrümeln sich die kleinen Sprachwahrheiten diskret in die letzte Ecke meines Hirns.

Verkopft nennt man das wohl.

Ich will schreiben, ohne etwas erzählen zu wollen. Ich will schreiben, um gehört zu werden. Doch was spricht aus mir, das echt und lesenswert wäre?

Ich will die Formvollendung aus einem Guss. Doch leider – oder vielmehr Gott sei Dank – lassen sich gute Texte nicht gießen.

Also suche und falle und stolpere ich den langen Weg zum Ziel entlang, das da lautet: Höret mich!

Denkbar, dass mich auch andere Wege zu diesem Ziel führen. Die Fotografie etwa. Sie geht mir so viel leichter von der Hand. Das Schreiben liegt mir einfach quer und will und will nichts werden.

Totale Blockade.

Stattdessen schleiche ich mich über Umwege an. Fange meine Bilderwelt auf Dias ein.

Denkbar gar, dass ich gar nicht zum Schreiberling tauge – weil ich zwar die Sprache ganz gut beherrsche, aber keine Erzählungen zustande kriege.
Erzählungen handeln vom Handeln. Und mit dem Handeln hab ich´s nicht so.

Mit dem Beobachten dafür umso mehr. Wohl deshalb gelingen mir ausdrucksstarke Bilder.

Also, was tun? Den leichten oder den mühseligen Weg wählen?

Wenn nur die Zweifel nicht wären! Taugt das was? Tauge ich was? Oder überschätze ich mich maßlos wie die meisten Schreibenden? Sag ich nicht auch „was ich alles könnte (wenn ich nur handelte)“. Nur vor dem Ergebnis hab ich höllischen Schiss.

So lässt mich das Schreiben einfach nicht los. Es zieht mich an und stößt mich gleichermaßen ab. Nur nicht scheitern nur nicht scheitern Du kannst das ja doch nicht.

Grauenvoll.

Da schmettern mich auch Rückmeldungen zu meinen Texten völlig danieder. Sage mir über den Kopf „hey schau mal, eine durchaus konstruktive Kritik“. Sieh´s positiv, lern draus.

Aber sofort sind die Stimmen wieder da, die schreien. Das taugt alles sowieso nur in die Pferdewurst. Aus Dir wird nie was. Gib endlich auf.
Und aufgeben, das will ich nicht.

Meine Schritte sind zögerlich, und ich hole mir nur soviel Rückmeldung ab, wie ich vertrage. Aber immerhin zeige ich meine Texte überhaupt schon her. Sie sind gleichermaßen meine Visitenkarte. Sie machen mich so transparent, als könne jeder mühelos in mir lesen.

Das ist schwer. Schwer, stehen zu bleiben und dem forschenden Blick des Lesenden Stand zu halten.

Ich trau mich einfach nicht. Ich trau mich selten, es zu versuchen. Es zu riskieren. Es drauf ankommen zu lassen.

So wie jetzt …

 

02.03.2003

 

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Island Impressionen 2016 http://sabine-besse.com/island-fotos-2016/ http://sabine-besse.com/island-fotos-2016/#respond Sun, 19 Feb 2017 12:51:06 +0000 http://sabine-besse.com/?p=22987/ Sabine Besse

Island Impressionen 2016 Im Mai 2016 haben wir mit einem gemieteten Reisemobil zum ersten Mal Island bereist. Innerhalb von einer guten Woche haben wir einmal die Insel umrundet, um uns dann noch ein paar Tage im pulsierenden und sehenswerten, aber extrem teuren Reykjavik herumzutreiben. (Und das will etwas heißen – wir [...]

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Sabine Besse

Island Impressionen 2016

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Im Mai 2016 haben wir mit einem gemieteten Reisemobil zum ersten Mal Island bereist. Innerhalb von einer guten Woche haben wir einmal die Insel umrundet, um uns dann noch ein paar Tage im pulsierenden und sehenswerten, aber extrem teuren Reykjavik herumzutreiben. (Und das will etwas heißen – wir sind immerhin englische Preise gewohnt!)

Island ist anders als alles, was ich bisher bereist habe. Am ehesten hat es mich – dank seines ebenfalls vulkanischen Ursprungs – an La Palma erinnert. Dennoch ist Island noch weitgehend unberührt. Allerdings befindet sich der Tourismus gerade massiv im Aufschwung. Ob dies dem Island-Erlebnis förderlich sein wird, darf bezweifelt werden. Bereits Anfang Mai, also noch vor offiziellem Saisonbeginn, waren bereits so viele Fahrzeuge unterwegs wie sonst in der Hochsaison (das erzählten uns Campingplatzbetreiber).

Wer die Rauheit und Unberührtheit Islands sucht, sollte die Hochsaison vermeiden. Auch wenn das bedeutet, ein paar zusätzliche Wollsocken und vor allem Mützen einzupacken.

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Inneres Team – Im Dialog mit dir selbst http://sabine-besse.com/inneres-team-dialog/ http://sabine-besse.com/inneres-team-dialog/#comments Tue, 14 Feb 2017 23:31:26 +0000 http://sabine-besse.com/?p=22900/ Sabine Besse

Niemand hat nur ein Gesicht - nein, eine ganze Schar an Persönlichkeitsanteilen schlummert in uns allen. In der Psychologie nennt man dies auch das innere Team. Entwickelt hat dieses Persönlichkeitsmodell der Psychologe Friedemann Schulz von Thun. Doch warum ist es sinnvoll und hilfreich, dein inneres Team kennenzulernen? Jeder kennt das: manchmal sind wir regelrecht mit uns selbst im [...]

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Sabine Besse

Niemand hat nur ein Gesicht – nein, eine ganze Schar an Persönlichkeitsanteilen schlummert in uns allen. In der Psychologie nennt man dies auch das innere Team. Entwickelt hat dieses Persönlichkeitsmodell der Psychologe Friedemann Schulz von Thun. Doch warum ist es sinnvoll und hilfreich, dein inneres Team kennenzulernen?

Jeder kennt das: manchmal sind wir regelrecht mit uns selbst im Clinch. Dabei können wir uns unser Innenleben als regelrechte Bühne vorstellen, die von einer lebhaften Gruppe verschiedener Figuren bevölkert wird. Gemeint sind mit dem inneren Team keine pathologischen Persönlichkeitsspaltungen, sondern eine natürliche Vielfalt innerer Facetten.

Wenn wir uns die Mühe machen, mit diesen verschiedenen inneren „Teammitgliedern“ einmal Kontakt aufzunehmen, so entdecken wir vielleicht die Mutter, den Vater, das innere Kind, den Zweifler, den Besserwisser, den Angsthasen, den Draufgänger, den Lehrer, die weise alte Frau oder den Magier in uns.

Inneres Team im Dialog

Doch worin liegt der praktische Wert eines solchen Persönlichkeitsverständnisses? Was habe ich davon, mich nicht nur als eine, sondern als viele verschiedene Personen auf einmal zu begreifen? Das Geheimnis liegt auch hier – wie so oft im Leben – in gelungener Kommunikation. Begreifen (und spüren) wir, dass wir „mehr als einer“ sind, können wir mit diesen verschiedenen Persönlichkeitsaspekten auch besser in Kontakt gelangen.

Die Gestalttherapie kennt hierzu eine faszinierende Methode: die Stuhlarbeit. In der Stuhlarbeit kann man entweder verschiedene reale Personen imaginativ auf verschiedene Stühle setzen und miteinander ins Gespräch bringen, oder eben unsere inneren Anteile.

Meldet sich also immer wieder dein nörgelnder Kritiker zu Wort: setz ihn doch einmal gedanklich auf einen Stuhl dir gegenüber – oder vielleicht auch an deiner Seite. Frag ihn, was er zu sagen hat, und gib ihm selbst auch Antwort. Alternativ kannst du dich auch einmal auf seinen Platz setzen bzw. ihn von deinem Platz aus sprechen lassen. Wie fühlt es sich an, der ewige Kritiker oder der ewige Spielverderber zu sein? Oder der Einpeitscher? Oder der Oberlehrer? Wie sieht die Welt aus seiner Warte aus? Welche Vorteile hat eine bestimmte Rolle, und was fühlt sich weniger komfortabel an?

In verschiedene Rollen schlüpfen

Besonders nützlich kann sich eine solche Inszenierung und Unterscheidung innerer Rollen erweisen, wenn wir wiederkehrend mit uns selbst im Konflikt stehen. So beharrt z.B. unser Verstand hartnäckig darauf, dass wir einen bestimmten Weg einschlagen sollten, während unser Herz etwas ganz anderes sagt.

Was aber geschieht nun, wenn du die verschiedenen Mitglieder deines Teams einmal klar benennst und ihnen einen Namen, eine Gestalt oder ein Gesicht gibst? Was, wenn du sie gedanklich einmal frei sprechen lässt (oder ihnen anderweitigen kreativen Ausdruck verleihst), mit ihnen ein Gespräch beginnst oder einem Schlagabtausch zwischen verschiedenen Mitgliedern deines inneren Teams zuhörst? Was haben diese verschiedenen Anteile in dir zu sagen, und welche Funktion erfüllen sie für dich?

Wenn du dieses Experiment einmal wagst, wirst du merken: es geschieht das gleiche, was du mit einem guten Freund, in einer Sportmannschaft oder unter Kollegen erleben würdest: durch Gespräche – und seien sie auch „nur“ fiktiv – entsteht Verständnis und mehr Nähe zwischen den Beteiligten, und im günstigsten Fall findet Ihr Lösungen, die für alle vorteilhaft und akzeptabel sind.

Klingt zu abstrakt? Probier es aus!

Sieh es mal so: Deine inneren Teammitglieder verhalten sich (fast) wie reale Personen: sie wollen gesehen, Wert geschätzt, geliebt und gehört werden. Sie handeln nach bestem Wissen und Gewissen und haben in der Regel nur dein Bestes im Sinn.

Mein Bestes?! denkst du jetzt vielleicht. Und wieso boykottiert mich mein innerer Zweifler, mein Kritiker oder mein innerer Lehrer dann immer wieder? Das soll in meinem Interesse sein?

Vor ein paar Tagen las ich auf einem Kalenderblatt noch den Spruch: „Deine Schattenseite ist nur die dunkle Schwester deines Lichts. Sie sehnt sich genauso nach deiner Liebe.“ Das gleiche gilt für dein inneres Team. Jeder Anteil in dir will Gehör finden, will seinen Platz in der Gruppe finden. Jeder Teil in dir will seine ureigene Position vertreten (dürfen) und will gebraucht werden und sich wertvoll fühlen. Dazu gehört auch, dass diese inneren Figuren auch unliebsame Gefühle ausdrücken dürfen. Lass zu, dass sie dir auch ihre Verletzung, ihren Ärger, ihre Enttäuschung, ihren Neid usw. zeigen. Wenn du das zulässt, werden sie dir früher oder später auch ihre zahlreichen positiven und liebenswerten Seiten zeigen.

Inneres sichtbar machen

Das Erstaunliche ist: wenn wir uns durch Stuhlarbeit mit diesen inneren Anteilen beschäftigen, erfahren wir einiges über sie. (Falls dir die Vorstellung eines Rollenspiels unangenehm ist oder albern vorkommt, kannst du einen Dialog übrigens auch in schriftlicher Form führen.) Wir erfahren z.B., dass unser Zweifler eigentlich nur Angst um uns hat (und sich aufgrund bisheriger Erfahrungen so und nicht anders verhält) oder dass unser innerer Perfektionist lediglich sicher stellen will, dass wir unsere Aufgabe gewissenhaft erfüllen und unseren Job nicht verlieren.

Leider schießen unsere inneren Teamkollegen – wie ja auch „wir“ selbst – oft über das Ziel hinaus. Sie reagieren wie ein reales Gegenüber: verletzt, beleidigt, zurückgewiesen, trotzig, eigensinnig, traurig oder wütend, weil wir von ihnen und ihrem Beitrag zum Ganzen nichts wissen wollen. Weil wir sie ins Dunkel verbannen und ihnen allzu oft den Mund verbieten oder schlichtweg leugnen, dass sie sich überhaupt im Raum (bzw. in uns) befinden.

Doch alle inneren Anteile haben uns Wichtiges zu sagen. Das Stichwort heißt hier „Integration“. Die Kunst besteht darin, diesen oftmals ungeliebten Seiten einmal zuzuhören und sich klarzumachen, dass sie mit uns im selben Boot sitzen. Sie sind Ich. Die Kunst ist, wie auch in einem realen Team, gute Kommunikation zu etablieren. Wertschätzung. Offenheit. Fairness. Transparenz. Und eine gute Portion Verletzlichkeit. So können aus lebenslangen Saboteuren erstaunlich konstruktive und hilfreiche Partner werden.

Wer gehört zu deinem inneren Team?

Welche Mitglieder kannst du in deinem inneren Team identifizieren? Wer sind deine Lieblinge? Von wem willst du überhaupt nichts wissen? Wenn du Schwierigkeiten hast, deine inneren Anteile zu identifizieren, nimm dir doch einfach mal ein paar Märchen oder deine Lieblingsfilme vor. Vielleicht schlummern in dir ein Hans-guck-in-die-Luft, ein Aschenbrödel, der Froschprinz oder eine böse Knusperhexe. Vielleicht gibt es aber auch einen John Wayne in dir, einen Darth Vader oder eine zuckersüße, platinblonde Prinzessin. Egal, wie du deine Teammitglieder nennst oder auf welche Weise du sie identifizierst – versuche, sie wie ein guter Gastgeber gleichermaßen willkommen zu heißen.

Sei neugierig. Versuche, sie kennen zu lernen. Was werden sie dir antworten, wenn du ihnen – vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben – die ehrliche und unvoreingenommene Frage stellst: „Und was hast du mir Wichtiges zu sagen?“

Sei empathisch mit dir selbst

Und dann hör zu. Versuche, in die Haut dieser innerer „Persönlichkeiten“ zu schlüpfen. Versuche zu verstehen, was sie bewegt und was sie antreibt. Was dich bewegt und antreibt. Es könnte sein, dass du auf diese Weise einige neue und überraschende Dinge über dich erfährst.

 

Bildquelle: King Arthur and the round table, Public Domain, {{PD-1923}}

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Tritt aus dem Schatten deiner Meister heraus http://sabine-besse.com/meister-schatten/ http://sabine-besse.com/meister-schatten/#respond Tue, 24 Jan 2017 18:27:07 +0000 http://sabine-besse.com/?p=22766/ Sabine Besse

Im Laufe unserer persönlichen Heldenreise begegnen uns viele Menschen. Manche helfen uns und werden zu Freunden, andere nehmen wir als Antagonisten wahr. Einige werden zu unseren Meistern. Oft sind sie sehr lange an unserer Seite.  Spannend wird es, wenn wir eines Tages den Zuspruch oder die Unterstützung eines Meisters verlieren. Wenn er sich plötzlich - zumindest scheinbar - gegen [...]

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Sabine Besse

Im Laufe unserer persönlichen Heldenreise begegnen uns viele Menschen. Manche helfen uns und werden zu Freunden, andere nehmen wir als Antagonisten wahr. Einige werden zu unseren Meistern. Oft sind sie sehr lange an unserer Seite. 

Spannend wird es, wenn wir eines Tages den Zuspruch oder die Unterstützung eines Meisters verlieren. Wenn er sich plötzlich – zumindest scheinbar – gegen uns stellt oder mit dem Weg, den wir einschlagen, nicht länger einverstanden ist. Dann wird aus dem Meister ein Schwellenhüter.

Vom Schüler zum Meister

Ich habe solche Situationen im Laufe meines Lebens mehrfach erlebt. Es waren große Momente. Das Leben stellte mir plötzlich die Frage, wohin ich wirklich meine Aufmerksamkeit lenke. Gehorche ich weiter der äußeren Autorität, die sich – daran gab es nichts zu zweifeln – über eine lange Zeit als äußerst hilfreich herausgestellt hat? Oder wende ich mich im Moment der Dissonanz nach innen, befrage meine eigene Seele und vertraue auf mein eigenes Urteil?

Jedesmal, wenn ein solcher Moment gekommen war, entschied ich mich, über die Grenzen hinauszutreten, die mir diese Meister – vielleicht auch nur scheinbar – setzten oder in die sie mich zu verweisen schienen. Ich entschied stets, meinen Weg weiter zu gehen – ihrer Missbilligung oder ihrem Widerstand zum Trotz. Das waren immer schmerzliche Momente. Momente des Ringens, der Prüfung und der inneren Wahrheit. Es waren Abschiede. Und es waren Schritte ins Erwachsenen sein.

Wo endet der andere, und wo fange ich an?

Ich bin überzeugt, dass es so immer wieder geschieht. Und geschehen muss. Schüler überflügeln ihre Meister – so wie auch unsere Kinder uns überleben und über uns hinauswachsen. So muss es sein. Und es bedeutet nicht zuletzt, dass beide ihre Arbeit getan haben. Schüler und Meister.

Wenn der Augenblick gekommen ist, erhalten wir den letzten großen Liebesbeweis, das finale Geschenk unseres treuen Mentoren. Er prüft uns auf Herz und Nieren. Hinterfragt, ob wir bereit sind, allein in die Welt zu treten und für uns selbst einzustehen. Manchmal, ohne es vielleicht zu merken.

Haben wir unsere Lektion gelernt, können wir ihm danken und unseren eigenen Weg gehen. Die gemeinsame Wegstrecke und die gemeinsamen Erfahrungen kann uns niemand nehmen. Sie sind tief in uns verankert. In beiden.

Und so werden wir selbst zu Meistern und finden eigene Schüler, immer wieder. Und auch sie werden uns eines Tages überragen und verlassen, um ihrer eigenen Zukunft entgegen zu gehen.

Tritt aus den Schatten deiner Meister heraus.

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Magisches Glas – persönliches Geschenk in letzter Minute http://sabine-besse.com/magisches-glas-geschenk-letzte-minute/ http://sabine-besse.com/magisches-glas-geschenk-letzte-minute/#respond Fri, 23 Dec 2016 13:31:21 +0000 http://sabine-besse.com/?p=22694/ Sabine Besse

Magisches Glas - Persönliches Geschenk in letzter Minute Bist du auf die letzte Minute noch auf der Suche nach einem persönlichen und preiswerten Geschenk? Verschenke doch in diesem Jahr ein Glas voll positiver Gedanken. Das Magische Glas ist schnell und einfach selbst gemacht und besonders für Menschen geeignet, die ein bisschen Fantasie mitbringen. Die Grundidee des [...]

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Sabine Besse

Magisches Glas – Persönliches Geschenk in letzter Minute

Bist du auf die letzte Minute noch auf der Suche nach einem persönlichen und preiswerten Geschenk? Verschenke doch in diesem Jahr ein Glas voll positiver Gedanken. Das Magische Glas ist schnell und einfach selbst gemacht und besonders für Menschen geeignet, die ein bisschen Fantasie mitbringen.

Die Grundidee des Magischen Glases ist ganz einfach. Es sind nicht immer nur die positiven Dinge, die uns Glück bringen. Nein, auch im scheinbar Sperrigen, Ungewohnten oder Überraschenden liegt das Glück verborgen. Braucht der Beschenkte eine Idee oder einen neuen Impuls, greift er einfach ins Magische Glas.

Magisches Glas: So wird´s gemacht

Fülle ein Gefäß deiner Wahl (z.B. ein Einmachglas) mit möglichst vielen beschrifteten Zetteln und weise den Beschenkten an, bei Bedarf einen Zettel daraus zu ziehen. Auf den Zetteln kannst du positive Gedanken, Gedankenanstöße oder Ähnliches notieren.

Den Inhalt der Zettel kannst du natürlich komplett selbst frei gestalten. Falls es schnell gehen soll, kannst du aber auch einfach meine Vorlage verwenden. Du kannst sie entweder aus diesem PDF ausdrucken und in kleine Zettel schneiden, oder du kannst das Word-Dokument herunterladen, wenn du die Texte verändern und anpassen willst.*

Gebrauchsanweisung

Damit der Beschenkte nachlesen kann, was er mit dem Magischen Glas tun kann, lege ihm am besten noch eine Gebrauchsanweisung dazu (PDF oder Word).

Dann noch schnell das Glas ein bisschen schmücken – und fertig ist das Geschenk!
Einfach, preiswert und persönlich.

Fröhliches Feiern!

*Hinweis: Die im Dokument verwendeten Schriftart heißen Cambria und Allura. Auf Windows-Rechnern ist Cambria meines Wissens vorinstalliert, und für Mac kann es hier heruntergeladen werden.

Magisches Glas - Persönliches Geschenk in letzter Minute

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Die Kunst, zwischen Sprachen zu wandeln http://sabine-besse.com/sprachen-uebersetzen/ http://sabine-besse.com/sprachen-uebersetzen/#respond Sun, 11 Dec 2016 14:43:00 +0000 http://sabine-besse.com/?p=22611/ Sabine Besse

Von der Erfahrung der Zweisprachigkeit Ich bin in zwei Sprachen zu Hause. Meine Muttersprache ist Deutsch, und ich lebe in England. Gestern habe ich begonnen, einen meiner Artikel ins Englische zu übersetzen. Sprache hat seit jeher eine eigenartige Wirkung auf mich. Schon sehr früh begann ich, Fremdsprachen zu imitieren und wildes Kauderwelsch zu sprechen, und ich beneidete brennend [...]

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Sabine Besse

Von der Erfahrung der Zweisprachigkeit

Ich bin in zwei Sprachen zu Hause. Meine Muttersprache ist Deutsch, und ich lebe in England. Gestern habe ich begonnen, einen meiner Artikel ins Englische zu übersetzen.

Sprache hat seit jeher eine eigenartige Wirkung auf mich. Schon sehr früh begann ich, Fremdsprachen zu imitieren und wildes Kauderwelsch zu sprechen, und ich beneidete brennend meine Cousine, der es beschieden war, nicht nur zwei-, sondern drei- bis viersprachig aufzuwachsen.

Mit den Sprachen ist es eigenartig. Wohlgemerkt, ich bin keine Übersetzerin. Ich übersetze meine eigenen Texte, so gut ich kann. Weil ich mich in mehr als einer Sprache ausdrücken will und kann. Weil mich Übersetzen fasziniert. Weil meine Freunde verschiedene Sprachen sprechen. Und … ja, weil ich Brücken bauen will.

Als ich vor vielen Jahren ein Jahr in Frankreich verbrachte und zum ersten Mal vollständig in den Klang und die Schwingung einer mir fremden Sprache eintauchte, – und es half enorm, dass niemand ein Wort Deutsch sprach –, machte ich eine Entdeckung.

Sprichst du eine andere Sprache, wirst du zu einer anderen Person

Irgendetwas in mir schien sich zu verwandeln, wenn ich von meiner Muttersprache ins Französische wechselte. Ich wurde weicher, offener. Und geriet gleichzeitig in eine merkwürdige Distanz zu mir selbst. Zu dem, was so vertraut und selbstverständlich schien.

Oftmals konnte ich in der einen Sprache etwas ausdrücken, was die andere nicht hergab. Es war, als ob dieser zu übersetzende Raum (noch) nicht vorhanden war.

Ich meine Gedankenräume. Bilder, die wir mit Worten zeichnen. Aber auch Gedankenketten, die wir – dank Assoziationen – offenbar nur in einer bestimmten Sprache zu denken scheinen.

Sprachen sind Klang

Sprachen sind Klang. Und Klang ist Schwingung. Und mir scheint, als ob jede neue Sprache – und ich habe in meinem Leben acht Sprachen ausprobiert – eine weitere, bislang unbekannte Resonanz, einen neuen Denk- und Fühlraum in mir eröffnet.

Sprache ist Einsicht. Sprache wird geformt durch unser Denken. Vielleicht empfinde ich es deshalb als so bereichernd, Menschen in ihrer Muttersprache zu begegnen. Es ist, als träfest du auf ihre geheimsten und ältesten Erinnerungen, nicht bewusst und ausgesprochen natürlich, sondern sorgfältig verborgen zwischen den Zeilen.

Darin liegt auch die Schwierigkeit, wenn du dich in einer anderen als deiner Muttersprache bewegst. Du musst lernen, zwischen diesen Zeilen zu lesen. Du musst entschlüsseln, wie der geheime, dir verborgene Gedankenweg des anderen verläuft, aus welchen Quellen dieser sich speist und wohin er denjenigen führt. In seinem Denken, seinem Fühlen, seinem Sein.

Wir verlieren und gewinnen durch Übersetzungen

Wie schwierig es ist, fein gezeichnete, doppelbödige Sprachbilder in andere Sprachwelten zu transportieren, ging mir erst auf, als ich begann, meine eigenen Texte ins Englische und Französische zu übersetzen. Immer häufiger griff ich ins Leere, wenn ich eine Vokabel oder eine Übersetzung für eine Redensart suchte. Wie ich schon sagte: jenseits der Sprachgrenze war dieser von mir gezeichnete Raum nicht existent.

Folglich ist Übersetzung immer Neuerschaffen. Der Übersetzer wird zum Architekten des neuen, bestenfalls ähnlichen Hauses. Übersetzungen sind Annäherungen. Verständigungsbrücken. Abbilder. Widerspiegelungen, gefärbt durch das Verständnis des Übersetzers.

Und damit bereichern uns Übersetzungen auch. Beginne ich damit, meine „deutsche Gedankenwelt“ in meine englische zu übersetzen, muss ich neu – englisch – denken. Was genau habe ich mit einer Formulierung gemeint, die mir so selbstverständlich zugeflogen ist? Was impliziere ich? Welche Assoziationen schwingen mit? Welche Bilder? Und wie kann ich die übersetzen?

Selbst übersetzte Texte unterscheiden sich von fremd übersetzten. Es mag ihnen an sprachlicher Geschliffenheit mangeln, oder sie mögen Fehler aufweisen, doch sie werden vom gleichen Geist des Autoren beseelt. Von seinen Innenwelten. Von seiner Art, Dinge auszudrücken.

Der Gesang einer Sprache

Abgesehen von ihrer sprachlichen Bedeutung trägt Sprache auch allein durch ihren Klang. Denken Sie nur an italienische oder französische Opern. Oder an fremdsprachige Passagen in einem Kinofilm.

So erwog ich vor ein paar Tagen mit zwei englischen Freundinnen die Möglichkeiten, einen Workshop „Kreatives Schreiben“ durchzuführen. Und da ich weiß, wie viel unmittelbarer ich mich im Deutschen ausdrücke, schlug ich vor, einmal einen Text in Deutsch zu verfassen und vorzutragen. Sie könnten lediglich dem Klang meiner Worte lauschen. Meiner Intonation, meinem Rhythmus, dem Klangteppich meiner Worte. Ihnen gefiel die Idee, und ich denke, wir werden dieses Experiment sicher einmal durchführen.

Sprache ist so viel mehr als Worte. Sprache ist Musik. Klang, Rhythmus, Schwingung. Und diese Schwingung in ihrer Essenz auch Menschen jenseits meiner Muttersprache zugänglich zu machen, ist für mich eine Freude und Herausforderung.

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Chiron, der verwundete Heiler http://sabine-besse.com/chiron-verwundeter-heiler/ http://sabine-besse.com/chiron-verwundeter-heiler/#comments Tue, 29 Nov 2016 14:10:57 +0000 http://sabine-besse.com/?p=20398 Sabine Besse

Wer sich mit Mythologie oder Astrologie beschäftigt, begegnet ihm früher oder später: Chiron, dem verwundeten Heiler. Doch dieser griechische Archetyp ist mehr als eine verstaubte Anekdote oder ein Objekt astrologischer Deutung. Chiron ist ein mächtiges Symbol unserer Zeit. Mich zog er vom ersten Moment in seinen Bann. Chiron in der Mythologie - Symbol unserer Zeit In der griechischen [...]

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Sabine Besse

Wer sich mit Mythologie oder Astrologie beschäftigt, begegnet ihm früher oder später: Chiron, dem verwundeten Heiler. Doch dieser griechische Archetyp ist mehr als eine verstaubte Anekdote oder ein Objekt astrologischer Deutung. Chiron ist ein mächtiges Symbol unserer Zeit. Mich zog er vom ersten Moment in seinen Bann.

Chiron in der Mythologie – Symbol unserer Zeit

In der griechischen Mythologie ist Chiron (oder Cheiron) der Sohn des Chronos und ein Halbbruder Zeus´. Er ist ein Centaur, ein Mischwesen aus Pferd und Mensch, und wird wegen seiner Gestalt von seiner Mutter zurückgewiesen und in einer Höhle zurückgelassen. Doch Chiron bleibt nicht lange allein. Sonnengott Apollo adoptiert ihn und lehrt ihn die Kunst der Heilung, Medizin und Dichtkunst.

Chiron wird ein berühmter Heiler und Lehrer. Doch seine eigenen Wunden kann er nicht heilen. Als ob die Ablehnung seiner Eltern noch nicht ausreiche, wird er auch noch versehentlich von einem vergifteten Pfeil seines Freundes Herkules getroffen. Da er unsterblich ist, leidet er unsägliche Qualen und findet erst Frieden, als er für einen anderen (Prometheus) seine Unsterblichkeit opfert und dessen tödliche Schuld auf sich nimmt.

Chiron in der Astrologie

In die Sternenkunde hielt Chiron am 18. Oktober 1977 Einzug, als Charles Kowal einen großen Asteroiden mit einer stark exzentrischen Bahn entdeckte. Manche feierten die Entdeckung als den „zehnten Planeten“, und der Himmelskörper erhielt den Namen seines griechischen Vorbildes.

Historisch fällt die Entdeckung des Asteroiden Chirons in eine Zeit, in der ganzheitliche Medizin und ganzheitliches Denken begannen, sich immer mehr auszubreiten. Im Horoskop steht Chiron für unsere tiefste, geheimste Wunde und für verdrängte Anteile. Interessanterweise gleicht sein astronomisches Symbol einem Schlüssel.

Chiron und Achilles, Quelle: commons.wikimedia.org

Der Chiron in uns

Im gleichen Maße, wie ganzheitliche Ideen sich ausbreiteten, wurden Psychologie und Psychotherapie ein immer selbstverständlicherer Teil unseres Lebens. Viele Menschen machten sich auf die Suche. Sie wandten sich nach den Herausforderungen und Traumen der Kriegszeit verstärkt nach innen und versuchten, nicht nur ihre persönliche, sondern auch ihre Familiengeschichte und ihren historischen Hintergrund zu erforschen und besser zu verstehen. Doch da, wo viel Schaden entstanden ist, gibt es auch viel zu heilen.

Inzwischen stellen Menschen aller Altersgruppen ihr Leben auf den Kopf und hinterfragen sich und die Umwelt um sich, in bemerkenswertem Umfang darunter auch Menschen fortgeschrittenen Alters. Immer mehr Senioren nehmen Beratung oder Therapie in Anspruch, räumen ihr Leben auf oder lösen sich aus jahrzehntelangen Ehen und Lebenskonzepten.

Unsere kollektiven und persönlichen Wunden zeigen sich derweil überall. Wir finden sie in unserem gestörten Verhältnis zur Natur, zu den Tieren, zu unserer Arbeit, unseren Ressourcen, zu unseren näheren und entfernteren Nachbarn. Arno Grün nannte dies den Verlust des Mitgefühls.

Zwischen dem Alten und dem Neuen

Und so erleben wir im Moment eine Generation „dazwischen“, einen äußerst schmerzhaften Übergang. Genauer gesagt umfasst er mehr als eine Generation. Er betrifft uns alle: die aktuelle Elterngeneration ebenso wie ihre Eltern und ihre Kinder.

Eine sehr treffende Beschreibung habe ich in dem Buch „Indigo-Erwachsene“ gefunden. Äußerlich sind wir vom Alten geprägt, ja regelrecht in ihm gefangen. Innerlich erfüllt uns das Neue. Doch wir sind nicht nur der Wandel. Wir bezeugen ihn auch. Der Wandel kommt durch uns und mit uns.

Von der Schwierigkeit, dazwischen zu sein

Die Schwierigkeit, die unserem Zeitgeist innewohnt, ist ebenjene Zerrissenheit zwischen Alt und Neu. Besonders deutlich spüre ich dies als Mutter. Und ich erlebe es bei vielen, ja dem überwiegenden Teil der Eltern. Wir ringen. Heftig. Mit dem Alten. Mit dem Neuen. Und mit uns selbst.

Das Schwierige, wenngleich Dankbare an dieser Rolle ist die „Doppelbelastung“, d.h. die doppelte Aufgabe, die damit verbunden ist. So begegnen immer mehr Eltern ihrer eigenen Bedürftigkeit, ihrem inneren, zutiefst verwundetem Kind, während sie gleichzeitig als biologische Eltern bereits die Verantwortung für den Nachwuchs tragen.

Ich kenne viele, für die diese doppelte Aufgabe ein wahrer Kraftakt und eine fortwährende Herausforderung ist. Eine Herkulesaufgabe (da ist sie wieder, die Mythologie). Und die Anforderungen sind nicht gering: Es erfordert Bewusstsein(sarbeit), Balance, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstdistanz, Einsicht, Weitsicht, Empathie, Bereitschaft zum Wandel und die Fähigkeit und Notwendigkeit, sich selbst zu heilen bzw. sich entsprechende Hilfe zu suchen. Vor allem aber erfordert es die Bereitschaft, sich Generationen alter Schmerzen zu stellen. Wir sind eine Generation verwundeter Heiler. Wir leben vorwärts und heilen rückwärts.

Auch diese Einsicht schmerzt mich zutiefst. Ich war – reichlich naiv, aber voll guten Willens – angetreten, um meine Kinder möglichst unbeschadet durch die Kindheit zu geleiten. Und auch wenn es mir gelungen ist, vor meiner ersten Schwangerschaft die dicksten Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, so blieben noch immer reichlich Steine übrig. Sie säumen unseren Weg, und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mir nicht schmerzhaft den Zeh stoße an vergessenen, verworfenen oder achtlos weggeworfenen alten Trümmern.

Eine Generation der Heiler

Aber wir sind eine Generation der Heiler. Ich kenne viele, und es werden immer mehr. Die Kunst, die wir zu meistern angetreten sind, ist eine neue Balance zu finden zwischen Innenschau und Außenwirkung, Selbstbezogenheit und Dienst am anderen.

In einem Leben können wir nicht alle Probleme lösen, die über Jahrhunderte hin angehäuft wurden. Das ist unmöglich. Aber wir können die Wende einleiten. Wir können die Weichen stellen. Doch wie bei Chiron erfordert dies ein Opfer. Wir müssen uns unseren Wunden zuwenden und unseren verdrängten Anteile stellen.

Wir müssen den verstoßenen Sohn heim holen und lernen, den Chiron in uns mit neuen, liebenden Augen zu sehen.

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