Die Kunst, zwischen Sprachen zu wandeln

Die Kunst, zwischen Sprachen zu wandeln

Von der Erfahrung der Zweisprachigkeit

Ich bin in zwei Sprachen zu Hause. Meine Muttersprache ist Deutsch, und ich lebe in England. Gestern habe ich begonnen, einen meiner Artikel ins Englische zu übersetzen.

Sprache hat seit jeher eine eigenartige Wirkung auf mich. Schon sehr früh begann ich, Fremdsprachen zu imitieren und wildes Kauderwelsch zu sprechen, und ich beneidete brennend meine Cousine, der es beschieden war, nicht nur zwei-, sondern drei- bis viersprachig aufzuwachsen.

Mit den Sprachen ist es eigenartig. Wohlgemerkt, ich bin keine Übersetzerin. Ich übersetze meine eigenen Texte, so gut ich kann. Weil ich mich in mehr als einer Sprache ausdrücken will und kann. Weil mich Übersetzen fasziniert. Weil meine Freunde verschiedene Sprachen sprechen. Und … ja, weil ich Brücken bauen will.

Als ich vor vielen Jahren ein Jahr in Frankreich verbrachte und zum ersten Mal vollständig in den Klang und die Schwingung einer mir fremden Sprache eintauchte, – und es half enorm, dass niemand ein Wort Deutsch sprach –, machte ich eine Entdeckung.

Sprichst du eine andere Sprache, wirst du zu einer anderen Person

Irgendetwas in mir schien sich zu verwandeln, wenn ich von meiner Muttersprache ins Französische wechselte. Ich wurde weicher, offener. Und geriet gleichzeitig in eine merkwürdige Distanz zu mir selbst. Zu dem, was so vertraut und selbstverständlich schien.

Oftmals konnte ich in der einen Sprache etwas ausdrücken, was die andere nicht hergab. Es war, als ob dieser zu übersetzende Raum (noch) nicht vorhanden war.

Ich meine Gedankenräume. Bilder, die wir mit Worten zeichnen. Aber auch Gedankenketten, die wir – dank Assoziationen – offenbar nur in einer bestimmten Sprache zu denken scheinen.

Sprachen sind Klang

Sprachen sind Klang. Und Klang ist Schwingung. Und mir scheint, als ob jede neue Sprache – und ich habe in meinem Leben acht Sprachen ausprobiert – eine weitere, bislang unbekannte Resonanz, einen neuen Denk- und Fühlraum in mir eröffnet.

Sprache ist Einsicht. Sprache wird geformt durch unser Denken. Vielleicht empfinde ich es deshalb als so bereichernd, Menschen in ihrer Muttersprache zu begegnen. Es ist, als träfest du auf ihre geheimsten und ältesten Erinnerungen, nicht bewusst und ausgesprochen natürlich, sondern sorgfältig verborgen zwischen den Zeilen.

Darin liegt auch die Schwierigkeit, wenn du dich in einer anderen als deiner Muttersprache bewegst. Du musst lernen, zwischen diesen Zeilen zu lesen. Du musst entschlüsseln, wie der geheime, dir verborgene Gedankenweg des anderen verläuft, aus welchen Quellen dieser sich speist und wohin er denjenigen führt. In seinem Denken, seinem Fühlen, seinem Sein.

Wir verlieren und gewinnen durch Übersetzungen

Wie schwierig es ist, fein gezeichnete, doppelbödige Sprachbilder in andere Sprachwelten zu transportieren, ging mir erst auf, als ich begann, meine eigenen Texte ins Englische und Französische zu übersetzen. Immer häufiger griff ich ins Leere, wenn ich eine Vokabel oder eine Übersetzung für eine Redensart suchte. Wie ich schon sagte: jenseits der Sprachgrenze war dieser von mir gezeichnete Raum nicht existent.

Folglich ist Übersetzung immer Neuerschaffen. Der Übersetzer wird zum Architekten des neuen, bestenfalls ähnlichen Hauses. Übersetzungen sind Annäherungen. Verständigungsbrücken. Abbilder. Widerspiegelungen, gefärbt durch das Verständnis des Übersetzers.

Und damit bereichern uns Übersetzungen auch. Beginne ich damit, meine „deutsche Gedankenwelt“ in meine englische zu übersetzen, muss ich neu – englisch – denken. Was genau habe ich mit einer Formulierung gemeint, die mir so selbstverständlich zugeflogen ist? Was impliziere ich? Welche Assoziationen schwingen mit? Welche Bilder? Und wie kann ich die übersetzen?

Selbst übersetzte Texte unterscheiden sich von fremd übersetzten. Es mag ihnen an sprachlicher Geschliffenheit mangeln, oder sie mögen Fehler aufweisen, doch sie werden vom gleichen Geist des Autoren beseelt. Von seinen Innenwelten. Von seiner Art, Dinge auszudrücken.

Der Gesang einer Sprache

Abgesehen von ihrer sprachlichen Bedeutung trägt Sprache auch allein durch ihren Klang. Denken Sie nur an italienische oder französische Opern. Oder an fremdsprachige Passagen in einem Kinofilm.

So erwog ich vor ein paar Tagen mit zwei englischen Freundinnen die Möglichkeiten, einen Workshop „Kreatives Schreiben“ durchzuführen. Und da ich weiß, wie viel unmittelbarer ich mich im Deutschen ausdrücke, schlug ich vor, einmal einen Text in Deutsch zu verfassen und vorzutragen. Sie könnten lediglich dem Klang meiner Worte lauschen. Meiner Intonation, meinem Rhythmus, dem Klangteppich meiner Worte. Ihnen gefiel die Idee, und ich denke, wir werden dieses Experiment sicher einmal durchführen.

Sprache ist so viel mehr als Worte. Sprache ist Musik. Klang, Rhythmus, Schwingung. Und diese Schwingung in ihrer Essenz auch Menschen jenseits meiner Muttersprache zugänglich zu machen, ist für mich eine Freude und Herausforderung.

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Sabine Besse
Autorin und Gestalttherapeutin, Jg. 1971, lebt mit Mann und zwei Söhnen in Südengland
Sabine Besse

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Von | 2016-12-17T20:08:16+00:00 11.12.2016|Schreiben|0 Kommentare

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