Stille Töne

Stille Töne

Fundstück aus meinem Textarchiv (2003)

Wie verschieden wir doch sind. Deine Welt ist voller Klänge, Dein Kopf stets voll Musik.

Meiner ist zwangsläufig voll Musik. Meine Mutter sang den ganzen Tag vor sich hin, und Du hast auch ständig die Anlage an.

Ich sehne mich nach Stille – um mich zu hören.

Ich brauche den unbevölkerten Geräuschraum, um meine Welt erstehen zu lassen, die sonst hinweggeschwemmt wird von einer Flut von Tönen, die einfach nicht zu mir sprechen wollen.

Dabei bewege ich mich durchaus wissend durch das Reich der Klänge. Schließlich hat man mich gelehrt Dur, Moll, Coda, Dominante. Doch mein Herz öffnet sich nicht. Und so kann ich auch Deine Leidenschaft nur erahnen.

Stattdessen versuche ich wieder einmal, Gedanken in Worte einzufangen.

Schauschau, auch hier ist mein Kopf voller Sprachtheorien und dem Wunsch zu siegen. Da verkrümeln sich die kleinen Sprachwahrheiten diskret in die letzte Ecke meines Hirns.

Verkopft nennt man das wohl.

Ich will schreiben, ohne etwas erzählen zu wollen. Ich will schreiben, um gehört zu werden. Doch was spricht aus mir, das echt und lesenswert wäre?

Ich will die Formvollendung aus einem Guss. Doch leider – oder vielmehr Gott sei Dank – lassen sich gute Texte nicht gießen.

Also suche und falle und stolpere ich den langen Weg zum Ziel entlang, das da lautet: Höret mich!

Denkbar, dass mich auch andere Wege zu diesem Ziel führen. Die Fotografie etwa. Sie geht mir so viel leichter von der Hand. Das Schreiben liegt mir einfach quer und will und will nichts werden.

Totale Blockade.

Stattdessen schleiche ich mich über Umwege an. Fange meine Bilderwelt auf Dias ein.

Denkbar gar, dass ich gar nicht zum Schreiberling tauge – weil ich zwar die Sprache ganz gut beherrsche, aber keine Erzählungen zustande kriege.
Erzählungen handeln vom Handeln. Und mit dem Handeln hab ich´s nicht so.

Mit dem Beobachten dafür umso mehr. Wohl deshalb gelingen mir ausdrucksstarke Bilder.

Also, was tun? Den leichten oder den mühseligen Weg wählen?

Wenn nur die Zweifel nicht wären! Taugt das was? Tauge ich was? Oder überschätze ich mich maßlos wie die meisten Schreibenden? Sag ich nicht auch „was ich alles könnte (wenn ich nur handelte)“. Nur vor dem Ergebnis hab ich höllischen Schiss.

So lässt mich das Schreiben einfach nicht los. Es zieht mich an und stößt mich gleichermaßen ab. Nur nicht scheitern nur nicht scheitern Du kannst das ja doch nicht.

Grauenvoll.

Da schmettern mich auch Rückmeldungen zu meinen Texten völlig danieder. Sage mir über den Kopf „hey schau mal, eine durchaus konstruktive Kritik“. Sieh´s positiv, lern draus.

Aber sofort sind die Stimmen wieder da, die schreien. Das taugt alles sowieso nur in die Pferdewurst. Aus Dir wird nie was. Gib endlich auf.
Und aufgeben, das will ich nicht.

Meine Schritte sind zögerlich, und ich hole mir nur soviel Rückmeldung ab, wie ich vertrage. Aber immerhin zeige ich meine Texte überhaupt schon her. Sie sind gleichermaßen meine Visitenkarte. Sie machen mich so transparent, als könne jeder mühelos in mir lesen.

Das ist schwer. Schwer, stehen zu bleiben und dem forschenden Blick des Lesenden Stand zu halten.

Ich trau mich einfach nicht. Ich trau mich selten, es zu versuchen. Es zu riskieren. Es drauf ankommen zu lassen.

So wie jetzt …

 

02.03.2003

 

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Sabine Besse
Autorin und Gestalttherapeutin, Jg. 1971, lebt mit Mann und zwei Söhnen in Südengland
Sabine Besse

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Von | 2017-04-15T21:08:54+00:00 15.04.2017|Schreiben|0 Kommentare

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